Nach mehr als 25 Jahren zäher Verhandlungen nimmt das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur konkrete Form an. Brasilien, die größte Volkswirtschaft der Region, ratifizierte den Vertrag als drittes Mercosur-Mitglied. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte die vorläufige Anwendung des Handelsteils an – trotz einer noch ausstehenden Prüfung durch den Europäischen Gerichtshof. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz eröffnet das Abkommen erhebliche Chancen, wirft aber auch politische Fragen auf.
Brasilien gibt grünes Licht
Das brasilianische Parlament stimmte dem Abkommen mit klarer Mehrheit zu. Senatspräsident Davi Alcolumbre würdigte die Entscheidung: Das Parlament habe im Interesse der Gesellschaft gehandelt, nachdem der Vertrag im Senat die letzte parlamentarische Hürde genommen hatte. Damit haben nun drei der vier Mercosur-Vollmitglieder – Argentinien, Uruguay und Brasilien – das Abkommen ratifiziert. Paraguay und Bolivien stehen noch aus.

Bundesaußenminister Johann Wadephul begrüßte die Ratifizierung ausdrücklich: Diese Entscheidung seien gute Nachrichten in global schwierigen Zeiten. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete die 25 Jahre dauernden Verhandlungen zwar als zu lang, betonte aber, das Abkommen sei fair und ausgewogen. Nun komme es darauf an, künftige Freihandelsabkommen zügiger abzuschließen.
Vorläufige Anwendung trotz EuGH-Prüfung
Von der Leyen kündigte am 27. Februar die vorläufige Anwendung des Handelsteils an. Das Abkommen gliedert sich in zwei Teile: ein umfassendes Partnerschaftsabkommen und ein Interims-Handelsabkommen. Letzteres gilt als sogenanntes EU-only-Abkommen und erfordert keine Ratifizierung durch die nationalen Parlamente der EU-Mitgliedstaaten. Der Rat der Europäischen Union hatte Anfang Januar der Unterzeichnung und vorläufigen Anwendung beider Abkommen zugestimmt; das Bundeskabinett hatte seine Zustimmung bereits im Dezember 2025 erteilt.

Das vollständige Partnerschaftsabkommen hingegen muss nach der Zustimmung des Europäischen Parlaments noch von allen nationalen Parlamenten ratifiziert werden. Das EU-Parlament hatte am 21. Januar mehrheitlich beschlossen, den Europäischen Gerichtshof anzurufen, um die Vereinbarkeit des Vertrags mit den EU-Verträgen zu prüfen – was das endgültige Inkrafttreten verzögert. Merz bedauerte diese Entscheidung ausdrücklich, besonders angesichts der geopolitischen Lage.
Vier Milliarden Euro Zollersparnis für EU-Exporteure
Die wirtschaftliche Tragweite des Abkommens ist beträchtlich. Durch den Abbau der hohen Mercosur-Zölle könnten EU-Exporteure jährlich mehr als vier Milliarden Euro einsparen. Bereits heute stützt der Handel mit den Mercosur-Ländern über 600.000 Arbeitsplätze in der EU. Das Abkommen eröffnet Unternehmen – vor allem dem exportorientierten deutschen Mittelstand – einen verbesserten Zugang zu einem Markt mit über 260 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten, der bislang vergleichsweise wenig erschlossen ist.

Gleichzeitig soll das Abkommen zu resilienteren und stärker diversifizierten Lieferketten beitragen – ein Ziel, das angesichts globaler Handelsturbulenzen an Dringlichkeit gewonnen hat. Die strengen EU-Vorschriften zur Lebensmittelsicherheit sowie die Gesundheitsstandards für Menschen, Tiere und Pflanzen bleiben dabei unverändert bestehen.

Gemeinsame Werte als Vertragsfundament
Das Partnerschaftsabkommen verankert als gemeinsame Grundwerte die Achtung demokratischer Prinzipien, der Menschenrechte, der Grundfreiheiten und der Rechtsstaatlichkeit sowie die Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Beide Seiten verpflichten sich zur Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens und des UN-Rahmenübereinkommen über Klimaänderungen. Zudem sollen internationale Umwelt-, Arbeits- und Sozialstandards wirksam umgesetzt werden.

Bedeutung für die deutschsprachige Gemeinschaft in Argentinien
Für die deutschsprachige Gemeinschaft in Argentinien ist das Abkommen von unmittelbarer Relevanz. Argentinien war eines der ersten Mercosur-Länder, das den Vertrag ratifizierte – ein klares Signal der Regierung Milei für eine stärkere wirtschaftliche Öffnung gegenüber Europa. Das Abkommen könnte den Handel mit Deutschland, Österreich und der Schweiz beleben, Investitionsströme in beide Richtungen fördern und die regulatorische Annäherung zwischen den Handelsblöcken beschleunigen.
Mit der Ratifizierung durch Brasilien rückt die Verwirklichung einer der größten Freihandelszonen der Welt – mit insgesamt rund 720 Millionen Menschen – einen entscheidenden Schritt näher. Ob das vollständige Abkommen den EuGH-Test besteht und die Zustimmung aller nationalen Parlamente erhält, bleibt jedoch abzuwarten.





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