28. 04. 2026

Argentinien tritt in den internationalen Markt für unkonventionelle Energiereserven ein. Mit dem am 4. März dieses Jahres unterzeichneten Vertrag zwischen der bundeseigenen Securing Energy for Europe (SEFE) und der argentinischen Unternehmensgruppe Southern Energy S. A. (SESA) eröffnet sich für das südamerikanische Land ein neues wirtschaftliches Kapitel.

Für Deutschland wiederum bedeutet die Vereinbarung einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Diversifizierung seiner Energieversorgung – eine Strategie, die spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zur obersten Priorität wurde.

Acht Jahre, zwei Millionen Tonnen pro Jahr

Der Vertrag sieht die Lieferung von zwei Millionen Tonnen verflüssigtem Erdgas (LNG) jährlich über einen Zeitraum von acht Jahren vor. Das vereinbarte Volumen entspricht bis zu neun Millionen Kubikmetern Gas pro Tag. Die Gesamteinnahmen werden je nach Entwicklung der internationalen LNG-Preise auf mehr als sieben Milliarden US-Dollar geschätzt. Die ersten Lieferungen sollen Ende 2027 beginnen, wie das argentinische Außenministerium mitteilte.

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Zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas pro Jahr über acht Jahre: der erste Langzeitvertrag Deutschlands mit einem südamerikanischen Lieferanten ist besiegelt.

Die zentrale Rolle spielt dabei die Lagerstätte Vaca Muerta in der südlichen Provinz Neuquén – nach Angaben von Branchenexperten die zweitgrößte unkonventionelle Gasreserve der Welt. Das Schiefergas (Shale Gas) wird mittels hydraulischer Frakturierung, dem sogenannten Fracking, gefördert und über Pipelines bis an die Atlantikküste am Golf von San Matías in der Provinz Río Negro transportiert.

Carl Moses, in Argentinien und Deutschland tätiger Wirtschaftsberater und Ökonom, bewertet den Vertrag als entscheidendes Signal: „Ein Vertrag dieser Größenordnung mit einem deutschen Staatsunternehmen ist ein sehr gutes Zeichen für das Vertrauen in Argentinien als künftigen Lieferanten und auch für die Gewinnung weiterer Kunden“, erklärte er gegenüber der Deutschen Welle. „Das ist ein historischer Meilenstein für Argentinien“, betonte der Berater.

Wer steht hinter SESA und SEFE?

Das argentinische Konsortium SESA besteht aus Pan American Energy (im Besitz der argentinischen Familie Bulgheroni, mit 30 Prozent Beteiligung), dem staatlichen Ölkonzern Yacimientos Petrolíferos Fiscales (YPF, 25 Prozent), Pampa Energía (20 Prozent), dem britischen Unternehmen Harbour Energy (15 Prozent) sowie der norwegischen Golar LNG (10 Prozent).

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Die ersten Lieferungen von argentinischem LNG nach Deutschland sollen Ende 2027 beginnen – ein eng getakteter Zeitplan.

Auf deutscher Seite ist SEFE der neue Name, den die Bundesregierung der ehemaligen Gazprom Germania gab – jener europäischen Tochter des russischen Energieriesen Gazprom, die in die Insolvenz geraten war und 2022 verstaatlicht wurde. Das Unternehmen befindet sich seitdem im Besitz des deutschen Staates und ist eines der zentralen Instrumente der Bundesrepublik, um die Energieversorgung jenseits russischer Quellen zu sichern.

Deutschlands neue Energiestrategie

Der Vertrag mit Argentinien fügt sich in die umfassendere deutsche Strategie ein, die Energieimporte breiter aufzustellen. „Es handelt sich um einen weiteren Schritt der deutschen Strategie, die Bezugsquellen für Energie zu diversifizieren. Deutschland hat in Rekordzeit Terminals errichtet, um verflüssigtes Gas aus vielen Regionen zu empfangen, vor allem aus den Vereinigten Staaten und auch aus Katar“, erläuterte Moses. Da sich die Golfstaaten jedoch weiterhin in einer angespannten geopolitischen Lage befinden, sei unsicher, in welchem Umfang sie andere Länder beliefern könnten. „Und Argentinien entwickelt sein großes Potenzial bei unkonventionellem Gas und Öl maximal aus.“

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Hans-Dieter Holtzmann, Projektleiter für Argentinien und weitere südamerikanische Länder der dem Liberalismus nahestehenden Friedrich-Naumann-Stiftung, ergänzte: „Bisher war die Abhängigkeit Deutschlands von wenigen Lieferanten – Russland, Naher Osten – zu hoch und zu krisenanfällig. Genau hier setzt das Abkommen mit Argentinien an.“

Hernán Letcher, Direktor des argentinischen Zentrums für politische Ökonomie (Centro de Economía Política Argentina, CEPA), hob einen weiteren Aspekt hervor: „Der Vorteil ist, dass Argentinien bereits im kommenden Jahr LNG exportieren wird, was die Reifung von Vaca Muerta beschleunigt.“

Milliarden-Investitionen in die Infrastruktur

Um die Lieferungen zu ermöglichen, sind erhebliche Investitionen in die Infrastruktur erforderlich. An der Küste von Río Negro werden zwei schwimmende Verflüssigungsanlagen (FLNG) installiert, mit Kapazitäten von 2,45 beziehungsweise 3,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Sind beide Einheiten ab 2028 in Betrieb, könnte die gesamte Exportkapazität von SESA auf rund sechs Millionen Tonnen LNG jährlich anwachsen.

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Das Schiefergas wird mittels Fracking gefördert und über Pipelines bis an die Atlantikküste in der Provinz Río Negro transportiert.

Damit die schwimmenden Anlagen ganzjährig versorgt werden können, baut SESA eine 500 Kilometer lange Pipeline, die Vaca Muerta mit der Atlantikküste verbinden soll. Allein dafür sind Investitionen von 1,3 Milliarden US-Dollar vorgesehen.

Marktprognosen für 2026 schätzen die Energieexporte von SESA laut der Fachplattform SHALE24 auf mehr als 14 Milliarden US-Dollar. Zwischen 2027 und 2035 könnten je nach internationalen LNG-Preisen mehr als 20 Milliarden US-Dollar generiert werden. Das Konsortium plant Investitionen in Höhe von insgesamt 15 Milliarden US-Dollar und rechnet mit der Schaffung von rund 1.900 Arbeitsplätzen.

Der RIGI-Rahmen und die Politik Mileis

Der Vertrag fällt unter das Anreizregime für Großinvestitionen (Régimen de Incentivo para Grandes Inversiones, RIGI), das die Regierung von Präsident Javier Milei eingeführt hat. Der Rahmen sieht Steuerbefreiungen für große Investitionsprojekte vor und soll zugleich Rechtssicherheit und Planbarkeit bieten, um ausländisches Kapital ins Land zu holen.

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SEFE – ehemals Gazprom Germania – ist heute eines der zentralen Instrumente der Bundesrepublik zur Sicherung der Energieversorgung jenseits russischer Quellen.

Moses erklärte dazu, der RIGI sei „ein regulatorischer Rahmen, der es erlaubt, große Investitionen vorzuziehen – andernfalls müsste man sehr lange warten, bis sich die makroökonomische Stabilisierung Argentiniens festigt“. Holtzmann betonte seinerseits: „Lieferverträge wie dieser über Flüssigerdgas für Deutschland erlauben es Argentinien, seine natürlichen Ressourcen zu nutzen, Einnahmen zu erzielen, Investitionen für die weitere Erschließung seiner Lagerstätten zu gewinnen und sich als verlässlicher internationaler Partner zu positionieren.“

Kritische Stimmen: Enklavewirtschaft oder echte Entwicklung?

Nicht alle Beobachter sehen den Vertrag uneingeschränkt positiv. Gabriel Puricelli, Analyst für internationale Politik und Vizepräsident des Laboratoriums für öffentliche Politik (Laboratorio de Políticas Públicas, LPP) in Argentinien, warnte: „Es bleibt abzuwarten, ob die vollständige Erschließung von Vaca Muerta nur zu Verträgen für den Export des Rohstoffes führen wird oder ob diese Ressource genutzt wird, um die argentinische Industrie – etwa die Düngemittel- und Petrochemiebranche – mit höherer Wertschöpfung zu fördern.“

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„Bisher war die Abhängigkeit Deutschlands von wenigen Lieferanten zu hoch und zu krisenanfällig”, erklärte Hans-Dieter Holtzmann von der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Die zentrale Frage sei laut dem Analysten, „ob dies der integralen Entwicklung Argentiniens dient oder ob es sich schlicht um die Schaffung einer Enklavewirtschaft handelt“, deren Reichtum nicht in der argentinischen Gesellschaft ankomme. Puricelli äußerte zudem Bedenken hinsichtlich der außenpolitischen Ausrichtung: „Argentinien muss seine Außenpolitik am Ziel des Friedens ausrichten, was die Regierung Milei nicht tut. In einem Moment, in dem Argentinien die Dividende seiner Ressourcen und die Friedensdividende ernten könnte, haben wir eine Regierung, die sich auf bemerkenswert ungewöhnliche Weise systematisch in Kriege anderer Länder einmischen will.“

Vaca Muerta: 120 Jahre Reserven unter der Erde

Die langfristigen Perspektiven sind beeindruckend. Letcher schätzt, dass Argentinien in Vaca Muerta beim aktuellen Verbrauchstempo „etwa 120 Jahre Gas und Öl unter der Erde“ verfügt, sodass das Land „zwangsläufig zu einem Nettoexporteur beider Ressourcen werden müsste“. Moses prognostiziert, dass „der Öl- und Gassektor zur zweiten Säule der argentinischen Exporte neben der Landwirtschaft wird“. Zudem sei das Gas aus Vaca Muerta „sehr reich an assoziierten Flüssigkeiten, die Vorprodukte für die Düngemittel- und Petrochemieindustrie liefern“.

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Mit dem EU-Mercosur-Abkommen, das am 1. Mai vorläufig in Kraft tritt, rückt Argentinien noch stärker in den Investitionsfokus Europas.

Puricelli hob die strategische Position des Landes hervor: „Argentinien muss die sich bietende Chance nutzen, nicht nur weil es die Ressource besitzt, sondern weil es in Südamerika liegt – einer Friedenszone in einer zunehmend konfliktreichen Welt.“ Holtzmann blickte ebenfalls optimistisch in die Zukunft: „Der gegenwärtige Anstieg der Energiekosten weltweit bedeutet kurzfristig eine Belastung für Bürger und Unternehmen, auch in Argentinien. Mittelfristig bieten die enormen Energieressourcen Argentinien jedoch die Chance, ein relativer ‚Gewinner‘ der aktuellen geopolitischen Krisen zu werden.“

Schließlich erinnerte der Vertreter der Friedrich-Naumann-Stiftung an einen weiteren wichtigen Faktor: Das Abkommen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur, das zumindest vorläufig am 1. Mai in Kraft tritt, „rückt Argentinien noch stärker in den Fokus Europas und verbessert die Investitionsbedingungen im Land“.

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