26. 01. 2024

Buenos Aires (AT) – In Argentinien ist der Fußball nicht nur Volkssport. Er ist Religion. Seit über 100 Jahren sind die Klubs per Statut Mitglieder-geführt. Als gemeinnützige Vereine veranstalten sie auch über das sportliche hinaus auch kulturelle Aktivitäten. Doch für die Clubs könnte der Start der Regierung von Javier Milei eine ganz eigene “Zeitenwende” lostreten. Der argentinische Präsident erklärte in einem Interview, er könne sich vorstellen, das Modell der Aktiengesellschaft in den argentinischen Fußball einzuführen. Das Ziel: die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit.

Vorbild Mileis ist Englands Premier League. Frei nach seinem Motto: “Der Staat ist das Grundübel aller Probleme” -das er auch jüngst in Davos bei seiner Rede vor dem Plenum des Weltwirtschaftsforums hochhielt- will Milei die Rahmenbedingungen schaffen, um Investoren aus aller Welt dazu bringen in den lokalen Fußball zu investieren. Dem Modell des englischen Fußballs folgend, will der 53-Jährige Ökonom Boca Juniors, River Plate und Co in Aktiengesellschaften (AGs) verwandeln und ihr Kapital für shareholder aus der ganzen Welt öffnen. Sein Blick fokussiert dabei insbesondere auf dem arabischen Raum.

In Argentinien ist Fußball mehr als nur ein Sport. (quelle: infobae.com)

Der liberalen wirtschaftlichen Schule folgend, will die Regierung allerdings nur die rechtlichen Voraussetzungen für den Weg der Vereine auf den Markt schaffen. Es sollen die Klubs und ihre Mitglieder sein, die die Entscheidung treffen. Der Gedanke dahinter: Argentinische Klubs verlieren jedes Jahr ihre Top-Spieler. Sie wechseln zu ausländischen Spitzenklubs meist in Europa, weil diese mehr Geld zahlen können als die Vereine in der Heimat. Mit dem Geld der Investoren, wären die argentinischen Vereine wettbewerbsfähiger, so Milei.

Der Verein gehört dem Volk

Die Reaktion auf den Vorstoß des neuen Stastoberhauptes ließ nicht lange warten. Die häufigste Schlagzeile: “Milei will den argentinischen Fußball privatisieren”. In Abstimmung mit dem argentinischen Fußballverband AFA, kritisierten innerhalb weniger Tage sämtliche Erstligavereine der argentinischen Profiliga das Modell der Aktiengesellschaften. Vertreter von Boca Juniors meinten etwa auf dem Plattform X (Twitter), dass sie ihren Ursprüngen treu bleiben und ihre klare Prinzipien verteidigen wollten. Auch der Verein River Plate meldete sich zu Wort: „Im Andenken unserer Gründer, lehnen wir Konzerne im argentinischen Fußball ab.“ Der Club sei eine gemeinnützige Zivilvereinigung, die den Mitgliedern und Partnern gehört. 

Bei der Klub-WM gibt es seit 10 Jahren nur noch europäische Gewinner: Aus Argentinien gewannen zuletzt die Boca Juniors 2003. (quelle: tycsports.com)

Cesar Luis Menotti, Trainer der argentinischen Weltmeistermannschaft 1978, erklärte etwa: “Der Fußball ist auch eine kulturelle Angelegenheit. Es gehört seinen Mitgliedern und ist auch tief im kulturellen Gut seines Stadtviertels verankert”, sagte der 85-Jährige auf Anfrage von DW.

Anders als in der reform- und modernisierungsbedürftigen Wirtschaft des krisenanfälliges Landes spielt im Fußball noch ein anderer Aspekt eine entscheidende Rolle: die Emotionen. Die Fußballfans in Argentinien sind meist Mitglieder ihrer Vereine und damit berechtigt, das Führungspersonal ihrer Klubs zu wählen. Der Fußballverein ist für die Argentinier Mystik und emotionelle Heimat: Es ist nicht zu verkaufen, sagte zum Beispiel Agustin Torres, Fan der Mannschaft CA Huracan im Gespräch mit DW. “Ich hoffe, dass die Vereine nicht privatisiert werden”, so Torres. “Weil wir eine Kultur haben, die Dinge selbst zu erledigen.” Investoren von außen würden diese Kultur zerstören, die Mitbestimmung und Einflussnahme der Fans unterbinden oder einschränken, resumierte er. 

Auch Präsident Milei ist auch großer Fußballfan: In seiner Jugend war er Torwärter des Vereins Chacarita. (quelle:olé.com)

Es hagelte allerdings jedoch nicht nur Kritik. Javier Zanetti, ehemaliger argentinischen Nationalspieler und heutiger Vizepräsident von Inter Mailand begrüßte Mileis Vorschlag: “Die Umwandlung kann eine Alternative sein, die einige Vereine ausprobieren können, um zu sehen, ob es eine Lösung für viele der Probleme ist, die sie heute haben”, so der 50-Jährige in einem Interview mit einem argentinischen Fernsehsender. “Ich glaube, dass keine von ihnen gegen die Identität des Vereins vorgehen wird. Im Gegenteil: Sie werden sich verbessern wollen.”

Das neue Staatsoberhaupt Milei kann das auch aus eigener Erfahrung bestätigen. Der heute 53-jährige Ökonom war in seiner Jugend Halb-Profi. Er spielte über Jahre in der heutigen Ligamannschaft Chacarita wo er es als Torwart bis in die zweite Auswahlmannschaft brachte.

Wie funktioniert der argentinische Fußball

Argentiniens profesioneller Fußball unterteilt sich in erster und zweiter Liga. In der Königsklasse spielen 28 Mannschaften. In der zweiten Liga sind es 35 Teams. Zusammen mit Mannschaften der Regionalligen kämpft eine Auswahl aus 64 einmal im Jahr um den Argentina Cup.

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