06. 04. 2025

Von Julia Wobken (*)

Buenos Aires (AT) – Vor einigen Wochen war ich mit einer Freundin in Mendoza, nicht nur in der Weingegend, sondern auch in Malargüe. Meine Freundin begann zu lachen, als wir unser Hotel verließen und auf die Ruta Richtung Süden fuhren. “Früher, als ich hier gewohnt habe, war Maipu immer unendlich weit weg”, sagte sie, als wir an dem kleinen Vorort vorbeikamen. 15 Minuten, das war für sie weit gewesen. Am Tag zuvor waren wir zwölf Stunden von Buenos Aires nach Mendoza gefahren. Jetzt lagen noch fünf Stunden Fahrt vor uns. “Ach, das schafft ihr ja schnell”, hatten uns Freunde am Tag zuvor dazu gesagt, als wir von unseren Plänen erzählten.

Ruta de ripio
Schotterstraße im argentinischen Irgendwo. (Foto: JW)

Zwischen Kiel und Puerto Deseado

Während der langen Fahrt, in der wir die argentinische Pampa durchkreuzten und niemanden trafen außer ein paar Kühe und unendliche Weiten, drang dieser Gedanke in meinen Kopf: Wie weit ist weit – Und wer bestimmt das?

Wären wir damals von meinem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein 12 Stunden in Richtung Süden gefahren, wären wir in Italien gelandet. Oder Österreich. Das schien unerreichbar. Weit, das war auch der Weg zum nächsten Supermarkt, der 7 km entfernt war und zu dem wir nur ein Mal pro Woche fuhren, mit dem Auto. Noch weiter weg war meine Schule: 20 km. Damals maß ich Strecken nur in Kilometern. Mittlerweile habe ich mich an die argentinische Art der Entfernungsmessung gewöhnt. 20 km Ruta sind nämlich nicht das Gleiche wie 20 km Schotterstraße, weswegen in Stunden gemessen wird. Zu meiner Schule dauerte der Weg eine Stunde mit dem Bus. Nach Kiel fuhren wir dreimal im Jahr, 30 Minuten mit dem Auto und in Hamburg, eine Stunde entfernt, war ich vier Mal während meiner gesamten Jugendzeit. Meine Großeltern wohnten noch weiter weg, vier Stunden. Damit sich die weite Fahrt auch lohnte, machten wir dort Urlaub.

Mendoza, Parque Payunia, Julia Wobken
Weite im Park Payunia, Malargüe, Provinz Mendoza. (Foto: JW)

“Hast Du ein Glück”

Jetzt lebe ich in Buenos Aires. Ein bis zwei Stunden pendeln bei viel Verkehr ist hier normal. “Hast du ein Glück…”, seufzte einst meine Arbeitskollegin, die aus Pergamino zwei Stunden Anfahrt hatte. Weiter als die Fahrt nach Hamburg von meinem Heimatdorf aus.

Vor zwei Jahren besuchte ich eine Freundin in Puerto Deseado. Zum nächsten Kiosk (200 m zu Fuß) fahren sie dort mit dem Auto, wegen des Windes, zu Fuß sei es viel zu weit. Sie erzählte mir auch, dass ihre Familie früher oft ins Kino gefahren ist. Vier Stunden nach Comodoro Rivadavia und nach dem Film wieder zurück. Die gleiche Strecke, die wir früher in den Sommerferien zu meinen Großeltern fuhren.

Wie weit ist weit?, frage ich mich immer noch. Das kommt wohl auf die Perspektive an.

Ruta, La Pampa
“Ruta” in La Pampa, Provinz La Pampa. (Foto: JW)

(*) Julia Wobken reiste mit 19 Jahren zum ersten Mal nach Argentinien. Sie lernte Spanisch in Tucumán und arbeitete ehrenamtlich bei der Fundación León. Danach studierte sie in Buenos Aires, wo sie seit neun Jahren lebt, arbeitet und schreibt. In ihrer Kolumne für das Argentinische Tageblatt teilt sie kleine und große Alltagserfahrungen (und Herausforderungen), die das Leben einer jungen deutschen Einwanderin in diesem schnelllebigen 21. Jahrhundert in Argentinien prägen.

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