20. 11. 2023

Buenos Aires (AT) – Lederjacke, Krawatte und ausufernde Haarpracht waren sein Markenzeichen. Javier Milei (Buenos Aires, 1970) der System-Terminator. Als gelernter Volkswirt, Universitätsprofessor, Berater und Buchautor war ihm der Drang ins Rampenlicht früh anzumerken. Zweites Kind einer Familie der argentinischen Mittelschicht – Vater, Transportunternehmer; Mutter, Hausfrau – kennt der heutige Präsidentschaftskandidat der Partei La Libertad Avanza in seiner Jugend zwei Leidenschaften: lernen und Fußball. Als Torwart, schafft es der junge Milei in den frühen 80er Jahren bis zum Halbprofi im Verein Chacarita Juniors. Laut eigenen Angaben, ist es die Hyperinflation der Jahre 1989/90, die ihn zum Studium der Volkswirtschaft anregen.     

Als Akademiker und später als Kolumnist macht er die Grundlagen der liberalen Markttheorie der Österreichischen Schule um Friedrich von Hayek aber auch der Monetaristen um Milton Friedmann zum Programm. Seine Botschaft: die Regeln des freien Marktes walten lassen und das Alte abwerfen. Sein Leitsatz: „Will Argentinien einen wirklichen sozialen und wirtschaftlichen Neuanfang, muss es sich definitiv von seiner ineffizienten „Polit-Kaste“ lossagen und einen radikalen Neubeginn wagen“. Vergleiche mit Donald Trump oder Brasiliens ehemaligem Staatschef Javier Bolsonaro sind ihm nicht unwillkommen. Auch dem Bild des rechts-lastigen Populisten nährt er als er sich mit Santiago Abascal, dem Gründer der rechtsradikalen spanischen Partei Vox, sehen lässt.

Nicht nur bei seinen Forderungen – u.a. Abschaffung der Zentralbank; Übernahme des US-Dollar als Landeswährung- sucht der Volkswirtschaftler sich von der Politik-Elite zu unterscheiden. In seiner Kommunikation setzt Milei Zeichen, die bei jungen Wählern greifen. Bereits 2018, in Vorbereitung seiner politischen Ambitionen, hatte er die Hauptrolle in dem eigens für ihn geschriebenen Theater-Stück „Mileis Sprechstunde“ gespielt. Während der Pandemie rückt er sich mittels digitaler Happenings immer stärker ins Bild der Öffentlichkeit. Dabei bricht er, unter anderem, den Guiness-Rekord für Teilnahme an einer Vorlesung auf, als sich mehr als 10.000 Menschen in eine seiner Lehrveranstaltungen zuschalten. Später tourt er durch das Land mit öffentlichen Auftritten in denen er seinem Publikum „Volkswirtschaft für den Hausgebrauch“ anbietet.

Am Nerv der Zeit

In einem Land, das seit den 50ern alle zehn Jahre von der immer gleichen Defizit-, Währungs- und Schulden-Krise heimgesucht wird, trifft Milei mit seinem Stil den Nerv der Zeit. Im Oktober 2021 gewinnt er die Wahl zum Abgeordneten ins argentinische Unterhaus im Namen des neoliberalen Partido Libertario, später La Libertad Avanza (LLA). Im Oktober 2022 gibt er bekannt, dass er sich -im Team mit der Abgeordneten Victoria Villarruel als Vize-, um das höchste Amt im Staat bewirbt.

Im Juni 2023 ist Javier Milei der Politiker mit den besten Umfragewerten. Analysten sprechen ihm reelle Chancen zu, das erwartete Kopf- an Kopf-Rennen zwischen regierender zentrum-links Koalition und dem Oppositions-Bündnis Juntos por el Cambio (JxC) zu sprengen. Zwei Monate später geht seine Rechnung auf: mit 30% der abgegebenen Stimmen ist er der Überraschungs-Sieger bei den Vorwahlen. JxC, die Partei von Kandidatin Patricia Bullrich enttäuscht mit nur 28% der Stimmen. Wirtschaftsminister Sergio Massa wird mit 27% knapper Dritter. Das Rennen um die Casa Rosada war im Niemandsland angekommen.   

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Javier Milei, gewählter Staatspräsident Argentiniens.

Milei wußte den Überraschungssieg medial auszunutzen und trotz eines schwachen Abschneidens auf Provinzebene das Narrativ in Richtung Oktober zu bestimmen. Um die Sensation fix machen holte er sich zum Abschluß der Kampagne Unterstützung aus dem rechten Lager Brasiliens und Spaniens. Eduardo Bolsonaro, Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, aber auch Hermann Tertsch, Abgeordenter der ultracheten spanischen Vox, kamen, um Milei zu begleiten. Für den totalen Sieg reichte es dann aber doch nicht: am 22. Oktober wurde der newcomer zweiter hinter Sergio Massa. Im Schlusspurt ging es dann Kopf-an-Kopf bis gestern, als der Ökonom den Anwalt mit eine deutlichen Vorsprung auf den Platz verwies und das Unmögliche fix machte.

Als kingmaker erwies sich allerdings nicht Milei selbst sondern die Partei der in der ersten Runde auf den dritten Platz verwiesenen Patricia Bullrich. Milei hatte sich kurz nach dem Auszählen der Stimmen am Abend des 22. Oktober mit Bullrich und ihrem Mentor, dem ehemaligen Statspräsidenten Maurico Macri, Gründer der Bullrich-Partei Juntos por el Cambio (JxC), verständigt, um zu versuchen bei der Stichwahl deren 24% der Stimmen auf sich vereinen zu können. Die Rechnung ging auf.

Analysten zählten Milei zu Beginn des Jahres als mathematische doch kaum reelle Option im Rennen um das Präsidentenamt. Am Sonntag-Abend, knapp eine Jahr nach seinem Debüt auf der argentinischen Polit-Bühne hat sich gezeigt, das der einstige Torwart mehr als nur eine Hand ins Spiel zu bringen wußte.  

Steckbrief

  • Alter: 53 Jahre
  • Politische Heimat: Liberal-Konservativ
  • Stärken, die ihm zugesprochen werden: Kommunikationstalent; Kreativität; Volksnähe.
  • Schwächen, die ihm nachgesagt werden: Personenkult; fehlende politische Basis; keine Regierungs-Erfahrung.
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  1. Jorge Linder

    Me alegro mucho de que también editen en alemán. Como viejo lector del AT me ofrezco para colaborar en lo que pueda.
    Cordiales saludos
    Jorge Linder

  2. Regula Rohland

    System-Terminator
    ist es die Hyperinflation der Jahre 1989/90, die ihn zum Studium der Volkswirtschaft anregen.SINTAXIS
    Auch dem Bild des rechts-lastigen Populisten nährt er als er sich ??? NO SE ENTIENDE
    holte er sich…. geholt. = ‘hat er sich… geholt’ O TACHAR “geholt”
    reichte dann aber doch nicht FALTA SUJETO: ‘reichte es dann aber….’
    Milei hatte kurz nach dem Auszählen der Stimmen am Abend des 22. Oktober mit Bullrich und ihrem Mentor, dem ehemaligen Statspräsidenten Maurico Macri, Gründer der Bullrich-Partei Juntos por el Cambio (JxC), verständigt, FALTA ‘sich’ LUEGO DE “Milei hatte”.

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