29. 02. 2024

Buenos Aires / Berlín (AT)Franziska Brantner (1979, Lörrach) kommt nicht zum ersten Mal an den Río de la Plata. Nicht umsonst gilt die Grünen-Politikerin als Expertin für Lateinamerika und insbesondere für den Cono Sur, dem Ländereck zwischen Argentinien, Chile, Uruguay und Paraguay. Vor ihrem Leben als Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz verbrachte Brantner einen Teil ihrer Studienzeit in Buenos Aires. Brantner ist heute zudem auch als Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Umsetzung der internationalen Initiative für mehr Transparenz im rohstoffgewinnenden Sektor (Extractive Industries Transparency Initiative – EITI) in Deutschland (D-EITI) unterwegs. Die studierte Expertin für Internationale Beziehungen an der Sciences Po (Paris) und Columbia University (New York) kennt im Detail die Möglichkeiten aber auch die Herausforderungen, die auf den Rohstoffsektor in den nächsten Jahren zukommen. Vor einigen Wochen diskutierte die an der Universität Mannheim promovierte Sozialwissenschaftlerin diesbezüglich in der argentinischen Botschaft in Berlin mit den Regierungschefs der argentinischen Bergbau-Provinzen Catamarca, Jujuy; Salta und San Juan, wie das Argentinische Tageblatt berichtete.

Als Vizeministerin für Wirtschaft und Klima kommt sie nach 2022 und 2023 nächste Woche erneut in offizieller Mission nach Buenos Aires. Hauptgrund ist die Eröffnung der Lateinamerika-Büros von German Accelerator (GA) in Argentinien. Von der argentinischen Hauptstadt aus will das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWK) unterstützte Accelerator-Programm das deutsche und lateinamerikanische Innovations- Ökosystem vernetzen und fördern. Die neuen Büros stehen im brandneuen Parque de la Innovación, im Norden der 13 Millionen Stadt und sollen Grundpfeiler einer Innovations-Brücke für Gründer und Einhörner zwischen Rio Grande, Feuerland und Deutschland sein. Mit Büros in Berlin, München, Düsseldorf, Silicon Valley, New York, Boston, Singapur, Shanghai, Tokyo und nun auch Buenos Aires beschleunigte GA seit seinem Start 2012 mehr als 850 Startups, die mehr als US$ 15.6 Milliarden an Finanzierungen erzielten sowie Mentoring weltweit erhielten.

Diana Mondino, Franziska Brantner, 2024
Argentiniens Außenministerin Diana Mondino und Dr. Franziska Brantner kamen im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz (@MSC) Mitte Februar zu Gesprächen zusammen (Foto: Argentinische Botschaft).

Brantners Reise nach Südamerika legt die Schwerpunkte auf die Themen Energie, wie etwa grünem Wasserstoff, kritische Mineralien, Technologie und Innovation. Gemeinsam mit dem Wirtschaftsausschuss des deutschen Bundestags angeführt vom Vorsitzenden des Ausschusses, MdB Michael Grosse-Brömer, wollen die Mitreisenden vor Ort auch ein Gefühl dafür bekommen, wie es um den Kurswechsel steht, mit dem die Regierung Milei das Land wieder auf Wachstumskurs bringen will. Die Delegation ist die erste von insgesamt sechs Missionen, mit denen die deutsche Wirtschaft in den nächsten Wochen in Argentinien Potenziale einer engen Kooperation abstecken will. Vor ihrer Ankunft am 7. März hat Argentinisches Tageblatt exklusiv mit Brantner über ihre Erwartungen und Ziele für ihren Besuch gesprochen.

Argentinisches Tageblatt: Vor einem Jahr haben Sie bei der Reise des Bundeskanzlers nach Argentinien und Südamerika eine Delegation der deutschen Wirtschaft geleitet. Wie hat sich die bilaterale Zusammenarbeit seitdem entwickelt und welche konkreten Projekte oder Vereinbarungen sind in dieser Zeit entstanden?

Franziska Brantner: Nach unserer Reise hat sich die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Argentinien weiter positiv entwickelt. Beide Länder sind ja schon seit langem wirtschaftlich vernetzt. Diese Vernetzung hat zu einem lebendigen Austausch geführt. Große und mittelständische deutsche Unternehmen sind erfolgreich in Argentinien tätig und umgekehrt sehen wir in Deutschland ein stetig wachsendes Interesse argentinischer Unternehmen an unserem Markt.

Es gibt viele Bereiche mit erheblichem Potenzial für die Zusammenarbeit, wie Rohstoffe, Agrargüter, Transport und Infrastruktur sowie den Bereich Industrie 4.0.

Sie haben noch nach Projekten gefragt: Hier möchte ich zunächst das „Foro Futuro“ der deutschen Botschaft in Buenos Aires besonders hervorheben. Das Forum widmet sich Themen wie der Digitalisierung und der Energiewende. Es bietet den argentinischen und deutschen Unternehmen eine exzellente Plattform, um sich auszutauschen und die Zusammenarbeit in diesen Bereichen zu vertiefen. In Kooperation mit German Accelerator hat das Forum eine Edition mit dem Fokus Start-ups durchgeführt. Es gibt aber noch viele weitere Bereiche mit erheblichem Potenzial für die Zusammenarbeit. Denken Sie nur an Rohstoffe, Agrargüter, Transport und Infrastruktur sowie den Bereich Industrie 4.0. Hier haben wir zuletzt konkrete Projekte und Vereinbarungen entwickelt, um die Kooperation zwischen beiden Ländern weiter voranzubringen.

Wie kam es zum Start des German Accelerator in Argentinien?

Die ersten Aktivitäten des German Accelerator in Südamerika haben bereits wenige Monate nach der Delegationsreise von Bundeskanzler Olaf Scholz, die ich geleitet habe, begonnen. Offiziell begannen die Arbeiten in Buenos Aires dann im November 2023. Mit dem German Accelerator wollen wir den bilateralen Austausch der Innovationsökosysteme stärken und den Technologietransfer zwischen Deutschland und Argentinien fördern. Die Initiierung des „German Startup Council for South America“ durch den German Accelerator war hier ein wichtiger Schritt. Dieser Rat koordiniert die Start-up-Aktivitäten der deutschen Akteure in Südamerika. So verbessern wir die Möglichkeiten der Start-ups zur effektiven Zusammenarbeit. Erwähnen möchte ich noch den Deutsch-ArgentinischenEnergiedialog. Auf Grundlage des im Jahr 2023 unterzeichneten Memorandum of Understanding begann hier eine Phase intensiverer Zusammenarbeit. Der Dialog treibt die Zusammenarbeit im Energiesektor zwischen Deutschland und Argentinien entscheidend voran.

Deutschland steht international für ein starkes Innovationsökosystem. Welche Möglichkeiten sehen Sie für eine vertiefte Zusammenarbeit zwischen deutschen und argentinischen Unternehmen im Bereich Startups, Innovation und Technologie?

Eine ganze Menge! Unser Ziel ist es, die Stärken der Innovationsökosysteme beider Länder zu nutzen und deren Vernetzung voranzutreiben. Dabei sind die Themen Digitalisierung und innovative Konzepte universell für alle Wirtschaftsbereiche wichtig, nicht nur für die Industrie, sondern auch für die Energiewirtschaft, die Agrarwirtschaft oder im Bereich Rohstoffe. Mit dem German Accelerator verfügt Deutschland seit mittlerweile einer Dekade über ein etabliertes Förderprogramm der Außenwirtschaft. . Dieses Programm unterstützt die Skalierung und Internationalisierung deutscher Start-ups, die den südamerikanischen Markt erkunden oder sich in ihm engagieren möchten. Wir streben dabei eine bilaterale Vernetzung der deutschen und argentinischen Innovationsökosysteme an, indem wir Corporates, Investoren, Hubs und weitere relevante Akteure sowohl in Argentinien als auch in Deutschland aktivieren.  So wollen wir eine ganzheitliche Verbindung der Ökosysteme herstellen.

Mit dem German Accelerator streben wir ein Vernetzung der deutschen und argentinischen Innovationsökosysteme an, indem wir Corporates, Investoren, Hubs und relevante Akteure in Argentinien und Deutschland aktivieren.

Nach unser Erfahrung ergeben sich daraus langfristig positive Synergieeffekte; die die initialen Investitionen werden oft weit überschritten. Ein weiterer Ansatz zur Förderung der Zusammenarbeit ist die aktive Unterstützung argentinischer Start-ups, die nach Partnern in Deutschland suchen. Hierzu gehört die „Immersion Week Challenge“, bei der sich Start-ups aus ganz Argentinien bewerben können. Die ausgewählten Gründungen haben die Möglichkeit, zur Bits & Pretzels nach München zu reisen, sowie von Mentoring und Vernetzungsmöglichkeiten mit dem lokalen Ökosystem zu profitieren. Außerdem bietet das bilaterale ZIM-Förderprogramm eine Plattform für Forschungszusammenarbeit zwischen deutschen und argentinischen Unternehmen. Insgesamt gibt es also eine breite Palette von Möglichkeiten, um die Zusammenarbeit zwischen deutschen und argentinischen Unternehmen im Bereich von Startups, Innovation und Technologie zu vertiefen und damit das Innovationspotenzial beider Länder zu stärken.

Wie können beide Länder voneinander lernen, um die Start-up-Kultur auf beiden Seiten des Atlantiks zu stärken?

Argentinien und Deutschland bringen jeder für sich ein breites Spektrum an Erfahrungen und Expertise in unterschiedlichen Bereichen mit.  Sie können sich also gegenseitig bereichern. In Deutschland leisten Start-ups heute einen bedeutenden Beitrag zur Digitalisierung und zur Energiewende. Argentinien wiederum gehört global zu den Top 40 Ökosystemen. Es zeichnet sich durch eine äußerst starke Digitalwirtschaft aus und beherbergt eine beachtliche Anzahl an Unicorns. Insbesondere die Bereiche Climate-Tech, Green Energy, Digitalisierung von Produktionsprozessen im Bereich Industry 4.0, Datensammlung und -auswertung sowie Innovation in der Nahrungs- und Agrarindustrie sind in Argentinien stark entwickelt. Die Region verfügt über 60 % der weltweiten natürlichen Ressourcen, was sie zu einem entscheidenden Zukunftsmarkt und einem wichtigen Partner für Deutschland macht. Für die gemeinsame Start-up Kultur ist die Förderung von Partnerschaften zwischen deutschen und argentinischen Start-ups und die Schaffung von Plattformen für den Wissensaustausch und die Zusammenarbeit entscheidend. Das bedeutet auch, die jeweiligen Stärken und Innovationen zu nutzen, um gemeinsam neue Wege zu beschreiten und einen nachhaltigen Mehrwert für beide Länder zu schaffen. Eine sehr erfreuliche Nachricht für uns war  zum Beispiel jüngst die Eröffnung des ersten Büros des argentinischen Unicorns Globant in Deutschland, in Berlin.

Dr. Franziska Brantner, 1er. Encuentro Argentino-Alemán de Minerales Críticos, Berlín, 2024
Dr. Franziska Brantner, Staatssekretärin für Wirtschaft und Klima bei einer Panel-Diskussion zu nachhaltigem Rohstoff-Abbau in der argentinischen Botschaft in Berlín im Februar. Links: Fernando Brun, argentinischer Botschafter in Berlín (Foto: Embajada Argentina en Berlín).

Sie gelten als eine der Expertinnen der deutschen Bundesregierung für Lateinamerika und insbesondere für Argentinien: Welche gemeinsamen Ziele sehen Sie für Deutschland und Argentinien im Hinblick auf eine engere wirtschaftliche, technologische und nachhaltige Zusammenarbeit in den nächsten Jahren?

Hier sehe ich eine Vielzahl gemeinsamer Ziele für unsere Länder.. Von zentraler Bedeutung ist sicherlich der Abschluss des EU-Mercosur-Abkommens, um den Handel und die Kooperation in allen Bereichen zu stärken. Dabei streben wir nicht nur eine Intensivierung in bereits etablierten Bereichen an, sondern auch die Erschließung neuer Geschäftsfelder und die Zusammenarbeit in der nachhaltigen Entwicklung. Dieses Abkommen bietet beiden Ländern die Möglichkeit, bilaterale Aktivitäten durch die Förderung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen zu stärken.

Durch eine enge Zusammenarbeit in diesem Bereich können wir nicht nur Energiesysteme transformieren, sondern auch zur globalen Energiewende beitragen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Energiewende und erneuerbaren Energien, einschließlich dem Bereich „Grüner Wasserstoff“. Hier sehen wir eine perfekte Übereinstimmung zwischen dem ressourcenreichen und innovativen Argentinien und Deutschland mit seiner langjährigen Erfahrung und seinem technologischen know-how. Durch eine enge Zusammenarbeit in diesem Bereich können wir nicht nur Energiesysteme transformieren, sondern auch zur globalen Energiewende beitragen. Schließlich streben wir eine enge Kooperation zum nachhaltigen Abbau von Rohstoffen an, die für die Transformation der Wirtschaft in Lateinamerika und der EU benötigt werden, indem wir gemeinsam an nachhaltigen Abbautechniken und -standards arbeiten. Insgesamt eröffnen diese Ziele Argentinien und Deutschland Möglichkeiten, ihre Zusammenarbeit auf eine neue Ebene zu heben und gemeinsam zur Bewältigung globaler Herausforderungen beizutragen.

Franziska Brantner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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