18. 05. 2024

Buenos Aires (AT) – In einer ironischen Verbindung von Realität und Fiktion präsentiert sich “Alemania”, der Debütfilm der argentinischen Regisseurin Maria Zanetti, vor vollem Haus im legendären Cine Gaumont in Buenos Aires. Nur zwei Wochen zuvor fanden an gleicher Stelle Proteste und Demonstrationen zur Verteidigung des argentinischen Kinos statt. Es scheinen harte Zeiten für die argentinische Filmindustrie anzubrechen, doch wie es oft im Kino der Fall ist, gibt es stets ein Licht am Ende des Tunnels.

Vielleicht könnte keine Zeit passender sein als die gegenwärtige, um solch eine Geschichte zu erzählen. Inmitten von politischen Unruhen und wirtschaftlichen Turbulenzen bietet der Film eine Möglichkeit, die Realität zu reflektieren und durch die Linse der Kunst zu betrachten. Vielleicht auch deshalb hat sich die Independent-Produktion Alemania zu einem der ersten Filmhits des Jahres entwickelt.

Leitfaden ist die Sehnsucht nach Freiheit und der Wunsch, das Nest zu verlassen und das Leben in seiner vollen Vielfalt zu genießen. Die Hauptdarstellerin Lola, ein 16-jähriges Mädchen aus Argentinien, steht vor einem Austausch nach Dresden, daher der Titel “Alemania”. Eine Reise, von deren Möglichkeiten sie träumt und fantasiert. Ein Hauch von Freiheit, aber auch die Flucht vor der wirtschaftlichen Not, die ihre Familie plagt, und der psychischen Krankheit, die ihre Schwester belastet.  

Gala Gutman (21 Jahre) studiert Filmregie, ist aber auch als Schauspielerin tätig.

Das Argentinische Tageblatt sprach mit der Schauspielerin Gala Gutman über den Film. Denn, auch für sie ist “Alemania” ihr Debütfilm, sie spielt die Rolle der besten Freundin, Tati. Im Gespräch erzählt sie über das Leben auf dem Set, ihre Berufung als Schauspielerin und die schwierige Situation, in der sich die Kultur in Argentinien befindet. 

Die Dreharbeiten zu “Alemania” begannen Ende 2022; Gala Gutman war 19 Jahre alt. Die erste Vorführung fand im Rahmen des Filmfestivals von San Sebastian im November 2023 statt. Danach wurde der Film auf dem Mar del Plata Filmfestival präsentiert. Im April 2024 feierten Produktionscrew samt Besetzung die Avant-Premiere im Gaumont-Kino . Finanziert wurde der Film vom INCAA (Nationales Institut für Kino und audiovisuelle Künste), aber auch durch Geldgeber wie Solitafilms aus Spanien. Vertraut, zärtlich und melancholisch: Das Coming of Age “Alemania” berührt das Herz. 

Argentinisches Tageblatt: Wie kam es zu dem Filmprojekt? 
Gala Gutman:
Ich folgte ein paar Casting-Seiten auf Instagram, weil ich Theater spielte und nach Arbeit suchte. In diesem Wahnsinn der Jobsuche sah ich diese Seite, die für einen Debütfilm war: „Wir suchen nicht-professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler im Alter von 17 bis 21 Jahren“. Ich war damals 18 Jahre alt und dachte: „Das ist genau das Richtige für mich“. Eigentlich hatte ich zwei Castings, das erste war für Lola, die Protagonistin, und dann für die Rolle, die ich schließlich bekam, nämlich Tati. So hat sich das ergeben, ganz zufällig, weil ich einen Post auf Instagram gesehen habe. 

Wie sah der Drehprozess aus und wann haben Sie angefangen? 
Vor dem Dreh, hatten wir mehrere Proben gemacht, nur die Regisseurin Maria Zanetti, Maite Aguilar (Lola) und ich; einige an dem Ort, an dem wir später gedreht haben, aber die meisten davon im Haus der Regisseurin. Zu dieser Zeit arbeitete ich Nachmittags, weshalb wir drei den ganzen Vormittag zusammen saßen, um zu frühstücken und zu proben. Wir probten viel außerhalb des Drehbuchs, wir erfanden und improvisierten Dinge und Situationen, die die zwei Freundinnen tun würden, die aber nicht im Film vorkommen. Ich dachte mir zum Beispiel aus, dass Tati Saxophon spielen könnte, nur um mich besser in die Rolle versetzen zu können. Oft spielten wir auch die Szenen des Drehbuchs einfach nach, doch ohne den exakten Text. Maria Zanetti wollte, dass wir uns die Figuren zu eigen machen, also suchte jede von uns nach dem, was die Figur tun oder sagen könnte, jenseits dessen, was sie geschrieben hatte.

Maria Zanetti, die argentinische Regisseurin brachte ihren Debütfilm in die Kinos, der in gewisser Weise auf ihrer eigenen Lebensgeschichte basiert.

AT: Wie kam der Film an?
Ich bin ein sehr rationaler Mensch, und lasse mich sehr von den Zahlen des Films leiten. Die Tatsache, dass er nun schon seit fast sechs Wochen in den Kinos läuft, ist für einen argentinischen Independent-Film zu dieser Zeit eine Leistung. In meinem Freundeskreis und auch in den Kritiken, die ich gelesen habe, hat der Film ein sehr gutes Echo gefunden. Viele Leute haben mir nach der Premiere geschrieben, dass die Geschichte sie berührt hat, und das ist für mich von unschätzbarem Wert. Die Tatsache, dass der Film die Zuschauer bewegt hat, ist schließlich der Beweis, dass sich die Arbeit gelohnt hat. Nicht meine im Besonderen, sondern die von allen, die an „Alemania“ mitgewirkt haben.  Es gibt etwas sehr „argentinisches“, etwas repräsentatives in diesem Film: eine dysfunktionale Mittelklassefamilie, die aber gleichzeitig eine enorme emotionale Stütze ist. Es gibt viele Probleme, aber neben den Problemen eben auch, viel Liebe und Zuneigung. 

Wie beurteilen Sie die Situation, in der sich die argentinische Kultur heute befindet? Die Spannung zwischen Regierung und Kunstschaffenden ist spürbar, genauso wie die Krise im ganzen Land. Wie war es also, einen Film in dieser Krise zu präsentieren? 
Ich spreche eher aus der Perspektive einer Filmstudentin an einer öffentlichen Universität, die direkt von INCAA abhängt, und weniger als Schauspielerin. Es ist sehr schwierig. Das Filmgeschäft ist völlig zum Stillstand gekommen. Unabhängige Produktionen hängen an einem seidenen Faden. Was die Premiere betrifft, war es eine Überraschung, dass “Alemania” so gut gelaufen ist. Die vollen Kinosäle sind auch ein Indiz für die Begeisterung und die Freude, den das argentinische Kino nach wie vor hervorruft. Es gibt ein enormes kulturelles Interesse an regionalen und lokalen Inhalten. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie verloren gehen. Schließlich ist es unsere Geschichte, unsere Gegewnart, die wir da erzählen, Die Art und Weise wie das argentinische Kino seine Geschichten erzählt, ist eine sehr identitätsbezogene Frage.

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