18. 09. 2023

Buenos Aires (AT)– Viel wusste Julia Wobken nicht, als sie vor 13 Jahren das erste Mal in Argentinien landete. Doch der 12-stündige Flug, der sie von Deutschland trennte, erfüllte eine die wichtigste der Prioritäten, die sich die junge Deutsche nach ihrem Abitur gesetzt hatte: das Gefühl von Neustart, von Abenteuer; weit weg von der norddeutschen Kleinstadt in der sie aufgewachsen war.

Aus dem Drang nach Freiheit entwickelte sich schnell mehr: ein Gefühl von Nähe zu ihrem Gastland, und bald darauf, von Heimat. Julia lebt heute seit zehn Jahren In Argentinien. Im Gespräch mit dem Argentinischen Tageblatt läßt Wobken die letzten Jahre noch einmal Revue passieren und erklärt wie es ist, im Land der Inflation, der ständigen Krisen und Improvisation ein Zuhause zu finden – ohne anfangs ein Wort Spanisch zu sprechen. 

AT: Warum hast du dich für Argentinien entschlossen?
Julia Wobken (JW): Ich wollte nach dem Abi weg aus Deutschland. Alle meine Freunde gingen ins Ausland. Auf Argentinien kam ich zufälligerweise über deutsch-argentinische Familienfreunde. Sie schwärmten andauernd von ihrem Land und luden mich ein, sie in Tucumán (Anm. der Red.: Provinz im Nordwesten des Landes) zu besuchen. Ich dachte mir: Warum nicht? Dank ihrer Vermittlung, fand ich eine Gastfamilie. Danach war ich insgesamt acht Monate in Tucumán, anfangs ohne Rückflugticket. Dort habe ich mich bei einem Freiwilligendienst von der Fundación León im Krankenhaus beworben. 

Wobken Alemania Argentina
Von Deutschland bis Argentinien: Julia W. auf einer ihrer Reisen durch Argentinien.

AT: War die Sprache ein Hindernis? 
JW: Der Koordinator des Freiwilligen-Programms konnte Englisch. Doch die Familie, in der ich lebte, konnte weder Deutsch noch Englisch. In meiner Schulzeit hatte ich nie Spanisch gelernt. Ich verstand nur ein paar Worte und Zusammenhämnge dank meiner Lateinkenntnisse. Doch ich beschloss in Tucumán keinen Spanischkurs zu belegen. Ich wollte sehen, ob ich die Sprache so, im Alltag, lernen konnte. Meine größte Hilfe war ein kleines Langenscheidt Wörterbuch, das perfekt in die Innentasche meiner Lederjacke passte. Immer wenn ich irgendwas nicht verstand, konnte ich direkt nachschlagen. So verbesserte ich mein Spanisch im Nu. Aber es war auch oft: Lächeln, nicken und hoffen, dass es ein Witz war.

AT: Wie haben Dich die Menschen in Tucuman aufgenommen? 
JW: Sie verstanden schnell, dass ich Deutsche bin und waren sehr einfühlsam und geduldig mit mir. Nicht wie in Deutschland, wo die Menschen einfach anfangen lauter zu reden, wenn man etwas nicht versteht. Ich kenne viele Auswanderer, die in Deutschland große Probleme mit der Sprache haben, weil die Deutsche direkt auf Englisch wechseln oder aufgeben, anstatt zu erklären. 

AT: Warum bist du nach Deutschland zurückgekehrt?
JW: Mir war sicher, dass ich nach meinen acht Monaten in Tucumán nach Deutschland zurückziehen würde. Ich wollte dort studieren. In meiner Zeit in Argentinien bin ich viel durchs Land gereist. Deshalb entschloss ich mich später, in Berlin Tourismus und Eventmanagement zu studieren. Doch in den letzten Jahren meines Studiums zog es mich wieder nach Argentinien, da ich mich 2013 für ein Auslandssemester an der Universität UADE in Buenos Aires beworben hatte.  

AT: Fiel dir die Entscheidung schwer, Dich endgültig für Argentinien zu entscheiden? 
JW: Es war nicht unbedingt schwer, angesichts der Situation, in der ich mich befand. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt in Berlin und Mainz gelebt. Nach dem Studium zogen fast mein gesamter Bekannten- und Freundeskreis in eine andere Stadt oder in ein anderes Land. Ich hätte in irgendein Ort in Deutschland ziehen können und hätte neu anfangen müssen. Oder ich hätte in Buenos Aires bleiben können, wo ich schon jede Menge Freunde habe, wo ich die Stadt kenne und mich wohlfühle. 

AT: Wo fühlst du Dich zuhause? Wo ist Deine Heimat?
JW: Ich würde Argentinien als meine Heimat bezeichnen. Das, was einst mein Zuhause in Deutschland war, existiert nicht mehr. Wenn ich meine Eltern besuche, ist es ihr Zuhause. Wenn ich meinen Bruder besuche, ist es sein Zuhause. Wenn ich in Buenos Aires in meine eigene Wohnung, zu meiner Katze, meinen Büchern und meinem Freund heimkomme, ist das mein Zuhause. 

Wobken Alemania Argentina
Julia Wobken veröffentlichte dieses Jahr ihr erstes Buch “Un Puente”.

AT: Was symbolisiert Dein Buch “Puente” für dich? Wie kamst Du auf die Idee? 
JW: Ich wäre gerne Autorin geworden: Das Schreiben war schon immer meine Leidenschaft. Ich hatte zu jener Zeit eine Facebook Seite, eine Art Blog, das ich mit einem Freund zusammen betreute. Er machte Fotos und ich schrieb Texte dazu. Er schickte mir eines Tages ein Foto von einer Brücke in Tucumán. Und das war meine Inspiration. Ich schrieb und schrieb, und dann kam es irgendwie zu einem ersten, zweiten und sogar fünften Kapitel (Anm. d. Red.: Juli Wobken hat im Eigenverlag das Buch “Un Puente” veröffentlicht). Am Anfang, habe ich nicht direkt an die Symbolisierung zur Brücke zwischen Argentinien und Deutschland gedacht. Je öfter ich darüber nachdenke, desto mehr symbolisiert das Buch für mich. 

Zu weiterer Buchinformation, wenden Sie sich an @juliawobken auf Instagram

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