Was kann aus den engen historischen Beziehungen zwischen Entre Ríos und Deutschland wirtschaftlich entstehen? Zwei Tage lang suchten Vertreter der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer (AHK Argentinien), der deutschen Botschaft und mehrerer Unternehmen in der zentralargentinischen Provinz nach konkreten Antworten. Besonders deutlich wurde das Potenzial dort, wo zwei Stärken der Region zusammentreffen: ihre große Agrar- und Ernährungswirtschaft und die wachsende Nachfrage nach erneuerbaren Energieträgern.
Die erste AHK-On-Tour-Reise nach Entre Ríos führte die Delegation am 5. und 6. August nach Paraná und Crespo. Auf dem Programm standen Gespräche mit der Provinzregierung, Unternehmensbesuche, technische Besichtigungen sowie eine Gesprächsrunde mit lokalen Firmen im Technologiezentrum Mirador TEC in Paraná.
Nach Angaben der AHK sollte die Reise Deutschland als strategischen Partner für argentinische Unternehmen positionieren und neue Geschäftsbeziehungen mit der regionalen Wirtschaft ermöglichen.
Von der Agrarindustrie zur Bioenergie
Einer der Schwerpunkte der Reise war „Ñande Zukunft“, auf Deutsch „Unsere Zukunft“. Das von Dosbio vorangetriebene Bioenergieprojekt sieht Anlagen in Crespo sowie im Raum Líbaros-Villaguay vor. Organische Reststoffe insbesondere aus der Geflügel- und Viehwirtschaft sollen dort energetisch verwertet werden.

Geplant ist eine Wertschöpfungskette, die aus diesen Reststoffen unter anderem Biogas beziehungsweise Biomethan erzeugt. Nach Angaben der Projektbeteiligten soll daraus auch verflüssigtes Biomethan, sogenanntes Bio-LNG, hergestellt werden. Zusätzlich sollen Nebenprodukte wie Biofertilisatoren beziehungsweise Gärreste verwertet werden.
Für eine Provinz mit einer starken Geflügel- und Agrarwirtschaft liegt darin ein doppelter Ansatz: Produktionsrückstände, die bislang auch eine Umweltbelastung darstellen können, werden zum Rohstoff einer neuen Energiewirtschaft.
Die Stadt Crespo bestätigte im Mai, dass Dosbio zwei Biogasanlagen in Entre Ríos plant und dabei Abfälle aus Geflügel- und Schweinebetrieben nutzen will.
190 Millionen Euro: eine wichtige Zusage, aber noch kein ausgezahlter Kredit
Die deutsche Verbindung des Projekts geht über institutionelle Unterstützung hinaus. Dosbio teilte im April mit, für „Ñande Zukunft“ eine Absichtserklärung im Zusammenhang mit den Exportkreditgarantien der Bundesrepublik Deutschland, den sogenannten Hermesdeckungen, über 190 Millionen Euro erhalten zu haben.
Dabei ist die rechtliche und finanzielle Reichweite entscheidend: Die vorliegenden Informationen belegen eine Absichtserklärung beziehungsweise eine vorgesehene Garantie- und Finanzierungsstruktur. Sie belegen nicht, dass 190 Millionen Euro bereits ausgezahlt wurden.

Auch die Stadt Crespo berichtete im Mai über eine deutsche Unterstützung für Garantie und Finanzierung des Vorhabens und nannte ebenfalls ein Volumen von 190 Millionen Euro.
Parallel dazu arbeitet Dosbio an zwei weiteren Voraussetzungen für das Projekt: der Sicherung der Rohstoffversorgung und der künftigen Vermarktung des erzeugten Biomethans.
Nach Unternehmensangaben wurden mit Fadel und Las Camelias Absichtserklärungen über die Bereitstellung von Rohstoffen abgeschlossen. Weitere Vereinbarungen betreffen potenzielle Abnehmer. Dosbio erklärte im April, dass Absichtserklärungen für rund 40 Prozent der geplanten Vermarktung über Gasener sowie Gas y Petróleo del Neuquén vorangetrieben worden seien.
Auch hier handelt es sich bislang um Absichtserklärungen und nicht um den Nachweis einer vollständig vertraglich abgesicherten Abnahme der künftigen Produktion.
„Viele Synergien, die wir nutzen können“
Die Bioenergie war allerdings nur ein Teil der AHK-Reise. Die Delegation wollte nach Angaben der Kammer zunächst verstehen, welche Produktionsstrukturen, Bedürfnisse und Wachstumsmöglichkeiten Entre Ríos bietet.
Annika Klump, Direktorin für Innovation und institutionelle Entwicklung der AHK Argentinien, zog nach den Unternehmensbesuchen eine positive Zwischenbilanz. Man habe „viele Synergien gesehen, die wir in diesen Unternehmensbeziehungen nutzen können“, sagte sie dem regionalen Medium Elonce.
Klump zufolge ging es nicht nur darum, die mitgereisten Unternehmen vorzustellen. Die Delegation habe vor allem verstehen und zuhören wollen, welche Herausforderungen, Anliegen und erfolgreichen Geschäftsmodelle die Unternehmen in Entre Ríos haben.

Daraus hätten sich drei Felder für eine weitere Zusammenarbeit herauskristallisiert: der Aufbau und die Weiterentwicklung von Wertschöpfungsketten, die Qualifizierung von Arbeitskräften und die Internationalisierung regionaler Unternehmen.
Die AHK selbst beschreibt das Format On Tour als Instrument, um Unternehmen mit regionalen Wirtschaftsstrukturen zusammenzubringen. Zwischen 2024 und 2025 besuchte das Programm nach Angaben der Kammer zehn argentinische Provinzen und erreichte bei seinen Veranstaltungen rund 1.000 Teilnehmer.
Deutsche und argentinische Unternehmen am Tisch
An der Reise nach Entre Ríos beteiligten sich nach Angaben der Provinz Bioenergía Virch/Dosbio aus dem Bereich erneuerbare Energien, der internationale Logistiker Rhenus Logistics, das auf spezialisierte mechanische Dienstleistungen ausgerichtete Unternehmen Elmer 4.0 sowie der argentinische Wind- und Solarenergieerzeuger Genneia. Zeitweise nahmen auch Vertreter der deutschen Botschaft teil.
Die Reise begann mit einem Treffen mit Entre-Ríos-Gouverneur Rogelio Frigerio. Anschließend besuchte die Delegation Unternehmen in Crespo und Paraná sowie den Industriepark der Provinzhauptstadt. Im Mirador TEC trafen die Teilnehmer schließlich mit Unternehmen und Wirtschaftsorganisationen aus unterschiedlichen Branchen zusammen.

Damit ging es nicht ausschließlich um Energie. Logistik, industrielle Dienstleistungen, Technologie, Agrarwirtschaft und wissensbasierte Dienstleistungen gehörten ebenfalls zu den Bereichen, in denen neue Kontakte gesucht wurden.
Aleksandar Medjedovic, seit Mai 2026 Geschäftsführer der AHK Argentinien, bezeichnete Entre Ríos als bedeutendes Wirtschaftszentrum mit unterschiedlichen Branchen von der Agrar- und Bioökonomie bis zu erneuerbaren Energien.
Zugleich formulierte er ein konkretes Ziel für die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen: „Wir werden gemeinsam daran arbeiten, mehr Exporte aus Argentinien nach Deutschland zu ermöglichen und die Beziehungen auf ein deutlich höheres Niveau zu bringen.“
Eine Provinz auf der Suche nach neuen Wertschöpfungsketten
Die wirtschaftlichen Ausgangsdaten erklären, weshalb die AHK Entre Ríos in ihr Reiseprogramm aufgenommen hat. Nach Angaben der Kammer exportierte die Provinz 2025 Waren im Wert von 2,115 Milliarden US-Dollar. Im ersten Quartal 2026 seien die Exporte gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 21 Prozent gestiegen.

Für deutsche und deutsch-argentinische Unternehmen ist dabei vor allem die Verbindung verschiedener Wirtschaftsbereiche interessant. Entre Ríos verfügt über eine etablierte Agrar- und Ernährungswirtschaft, industrielle Betriebe und eine zunehmende Beschäftigung mit Bioenergie. Hinzu kommen historisch gewachsene deutschsprachige Gemeinschaften und Unternehmensbeziehungen.
„Ñande Zukunft“ bündelt mehrere dieser Faktoren in einem einzigen Projekt: regionale Agrarproduktion als Rohstoffbasis, Kreislaufwirtschaft als technologisches Konzept und deutsche Instrumente der Exportfinanzierung als möglicher Bestandteil der Investitionsstruktur.
Entscheidend wird, was nach der Reise geschieht
Die zweitägige Mission hat zunächst Kontakte, Unternehmensbesuche und konkrete Arbeitsfelder hervorgebracht. Neue, während des Abschlusses der Reise unterzeichnete Investitionsverträge wurden in dem vorliegenden Material dagegen nicht bekanntgegeben.

Auch beim Bioenergieprojekt bleiben deshalb mehrere Schritte entscheidend, bevor aus dem Vorhaben eine vollständig gesicherte Großinvestition wird. Absichtserklärungen für Finanzierung, Rohstoffversorgung oder Abnahme sind wichtige Voraussetzungen, ersetzen jedoch keine endgültigen Finanzierungs- und Lieferverträge und keine tatsächlich erfolgte Investition.
Gerade darin liegt die nächste Etappe der deutsch-argentinischen Zusammenarbeit in Entre Ríos: Ob aus den Gesprächen und Absichtserklärungen belastbare Verträge, Investitionen und zusätzliche Exporte entstehen, wird sich erst an der weiteren Umsetzung der Projekte messen lassen.





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