*von Thomas Kreutzmann und Dr. Marco Just Quiles
Die Bundesregierung misst deutschsprachigen Gemeinschaften weltweit erstmals ausdrücklich eine strategische Bedeutung bei. Bei der Jahrestagung der Stiftung Verbundenheit im Juni 2026 im Deutschen Bundestag bezeichnete der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, Christoph de Vries, sie als wichtige Partner Deutschlands im Ausland.
Mit dieser Aussage setzt die neue Bundesregierung ein deutliches politisches Signal. Deutschsprachige Gemeinschaften sollen künftig nicht mehr ausschließlich als Träger deutscher Sprache und Kultur verstanden werden, sondern zunehmend als strategische Netzwerke und Brückenbauer zwischen Deutschland und ihren jeweiligen Heimatländern.
Deutschsprachige Gemeinschaften von Argentinien, Chile und Paraguay über Kanada und die USA bis nach Israel und Afrika leisten seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zur Pflege der deutschen Sprache, Kultur und Geschichte. Gleichzeitig schaffen sie belastbare gesellschaftliche Netzwerke und fördern den Austausch mit Deutschland weit über die Metropolregionen hinaus.
Dass diese Rolle nun erstmals ausdrücklich von einem Vertreter der Bundesregierung als strategisch anerkannt wird, markiert einen bemerkenswerten politischen Perspektivwechsel.
Das weiß und schätzt man in der Bundesrepublik. Schon Millionen Deutsche haben durch ihre familiären Kontakten, beruflichen Auslandsaufenthalten und Reisen erlebt, welches Interesse Menschen in beiden Amerikas an deutscher Sprache oder deutscher Kultur haben. Und wie sehr sie gesellschaftliche Werte mit Deutschland teilen.

Denn die Stiftung Verbundenheit arbeitet seit Jahren daran, die deutschsprachigen Gemeinschaften auf die Tagesordnung der deutschen Politik und der deutschen Öffentlichkeit zu rücken. Auf politischer Ebene war das bisher nicht immer einfach, auch wenn sich inzwischen viele prominente Stimmen aus der Politik in der Stiftung engagieren.
Doch Deutschland litt unter einem „Systemproblem“: Deutschsprachige Gemeinschaften passten – anders als etwa deutsche Minderheiten in Mittel-, Osteuropa und den GUS-Staaten – nicht wirklich in das „Raster“ deutscher Ministerien. Menschen in deutschsprachigen Netzwerken hatten oft das Gefühl, sie würden von der deutschen Förderpolitik übersehen. Und sie würden gelegentlich eher als Bittsteller statt als Partner behandelt.
Zeit für einen Wandel
Doch genau das scheint sich aktuell unter der neuen Bundesregierung zu ändern. Seit Jahresbeginn 2026 liegt die Zuständigkeit für ihre Förderung beim Bundesinnenminister.
Bei der Jahrestagung der Stiftung Verbundenheit im Juni 2026 im Deutschen Bundestag hob Christoph de Vries die strategische Relevanz dieser Gemeinschaften noch einmal ausdrücklich hervor:
„In einer Zeit, in der globale Partnerschaften immer wichtiger werden, sind die deutschsprachigen Gemeinschaften vor allem in Südamerika und Israel potentielle Botschafter für ein positives Deutschlandbild. Sie vermitteln nicht nur Sprache und Kultur, sondern auch Vertrauen, Netzwerke und langfristige Interessen.“
Mehr als Worte
Das sind nicht nur Begriffe. Dahinter steckt ein grundlegender Wandel unter der Regierung, die offensichtlich das Potenzial an zwischenstaatlichen Kontakten auf Ebene der Bürgergesellschaften stärker nutzen will als bisher.
Die Äußerungen von Staatssekretär de Vries markieren damit einen wichtigen Wendepunkt. Aber sie haben auch eine Vorgeschichte.
Bereits im August 2025 berichtete die in Deutschland meinungsbildende Frankfurter Allgemeine Zeitung ausführlich über die von der Stiftung Verbundenheit angestoßene Debatte zur politischen Neubewertung deutscher Minderheiten und deutschsprachiger Gemeinschaften. Hintergrund war die Entscheidung der Bundesregierung, die Zuständigkeit für beide Zielgruppen vom Auswärtigen Amt auf das Bundesministerium des Innern zu übertragen.
Der Schritt war zunächst von Unsicherheiten begleitet: Welche Rolle würden deutschsprachige Gemeinschaften künftig in der deutschen Politik spielen? Würde der Zuständigkeitswechsel vom Außen- zum Innenministerium zu einer Stärkung führen? Diese Sorge ist den deutschsprachigen Gemeinschaften in Ländern wie Lateinamerika, USA und Israeljetzt vorerst genommen.
Klares Bekenntnis des BMI
Die nun erfolgte Positionierung durch Staatssekretär Christoph de Vries stellt einen wichtigen Schritt zur institutionellen Anerkennung der deutschsprachigen Gemeinschaften in der Welt dar. Er betrifft enorm viele Menschen. 60 Millionen weltweit. Ihre Rolle als Multiplikatoren deutscher Kultur, Sprache und gesellschaftlicher Werte haben verschiedene Regierungs- und Parlamentsvertreter vor den Gremien der Stiftung Verbundenheit ausdrücklich anerkannt. Staatssekretär de Vries machte deutlich, dass das Bundesinnenministerium die Förderung deutschsprachiger Gemeinschaften als eine wichtige Zukunftsaufgabe versteht.
Hinweis auf langfristige Förder- und Entwicklungsstrategie
Im Rahmen der Veranstaltung verwies er darauf, dass das Ministerium zum 1. Juni 2026 eine eigene Projektgruppe „Deutschsprachige Gemeinschaften im Ausland“ eingerichtet habe. Zugleich unterstrich er das hohe Maß an Expertise innerhalb des Hauses für die Anliegen dieser Gemeinschaften sowie die wichtige Rolle der Stiftung Verbundenheit bei ihrer Vernetzung mit Deutschland.
Hartmut Koschyk, Ratsvorsitzender der Stiftung Verbundenheit und ehemaliger Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, deutet die Einrichtung einer eigenen Projektgruppe und das ausdrückliche Bekenntnis der Ministeriums-Spitze als Hinweis auf den Aufbau einer mittel- und langfristigen Förder- und Entwicklungsstrategie.
Mehr als Kulturvereine: Strategische Partner Deutschlands
Die politische Aufwertung deutschsprachiger Gemeinschaften ist aus Sicht der Stiftung Verbundenheit längst überfällig. Seit mittlerweile sieben Jahren setzt sich die Stiftung insbesondere in Lateinamerika und zunehmend auch in den USA dafür ein, deutschsprachige Gemeinschaften nicht allein als Träger kultureller Traditionen zu verstehen, sondern als moderne Netzwerke, die deutsche Sprache und gesellschaftliche Verbundenheit mit Deutschland in ihren Heimatländern aktiv vermitteln.
In Argentinien, Paraguay, Chile, Bolivien, Peru, Uruguay, Venezuela, Kolumbien, USA und Israel – den bisherigen Aktionsländern der Stiftung – arbeiten Vereine, Schulen, Kulturinstitutionen und Dachverbände intensiv daran, ihre Rolle als Brückenbauer zwischen Deutschland und ihren Heimatgesellschaften neu zu definieren. Gerade jüngere Menschen engagieren sich zunehmend in Projekten der von der Stiftung vorangetriebenen „Bürgerdiplomatie“, der Jugendvernetzung und des kulturellen Austauschs.
Der eigentliche Test beginnt jetzt
Der Wechsel der Zuständigkeit vom Auswärtigen Amt zum Bundesministerium des Innern war politisch nicht unumstritten. Ob sich dieser Schritt langfristig als Erfolg erweist, wird sich nicht allein an organisatorischen Zuständigkeiten messen lassen. Entscheidend wird vielmehr sein, ob es gelingt, die deutschsprachigen Gemeinschaften tatsächlich stärker sichtbar zu machen, strategisch einzubinden und ihre Potenziale für Deutschland systematisch zu nutzen.
Die jüngsten Aussagen der Spitze des Bundesinnenministeriums geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Erstmals erkennt eine Bundesregierung offen an, dass deutschsprachige Gemeinschaften weit mehr sind als Empfänger staatlicher Förderung. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob aus diesem politischen Bekenntnis eine dauerhafte Struktur entsteht.
Die eigentliche Aufgabe besteht nun darin, möglichst viele der weltweit 60 Millionen Träger deutscher Sprache und Herkunft als das wahrzunehmen, was sie oft sind: Menschen mit Wertschätzung und Sympathie für ein modernes Deutschland. Sie bilden ein globales strategisches Netzwerk, von dem Gesellschaften und Volkswirtschaften beider Seiten menschlich, sozial und wirtschaftlich profitieren – über tausende Kilometer, Ozeane und Zeitzonen hinweg.






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