08. 09. 2026

Patagonien rückt zunehmend in den Fokus der internationalen Rechenzentrumsbranche. Das enorme Energieangebot, niedrige Temperaturen, große verfügbare Flächen und die Aussicht auf neue Glasfaserverbindungen machen den Süden Argentiniens zu einem möglichen Standort für die Infrastruktur der künstlichen Intelligenz. Doch zwischen ambitionierten Ankündigungen und tatsächlich finanzierten Großprojekten liegt noch ein beträchtlicher Weg. Reuters berichtete am 7. September über mehrere Vorhaben, deren Größenordnung für Argentinien neu wäre.

Pampa Energía prüft ein 500-MW-Projekt in Neuquén

Besonders konkret sind die Überlegungen von Pampa Energía. Das argentinische Energieunternehmen prüft neben seinem Kraftwerk Loma de la Lata in Neuquén ein Rechenzentrum, das langfristig eine elektrische Leistung von bis zu 500 Megawatt benötigen könnte. Nach Reuters-Informationen bietet Pampa potenziellen Interessenten bereits Strompreise an und strebt erste Vereinbarungen noch vor Ende 2026 an. Interessenten bevorzugen allerdings zunächst eine deutlich kleinere Testphase von etwa 20 bis 40 MW. Allein die elektrische Infrastruktur für den Vollausbau würde schätzungsweise 900 Millionen US-Dollar kosten.

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Pampa Energía prüft in Neuquén ein Rechenzentrum mit einem langfristigen Strombedarf von bis zu 500 Megawatt.

Die Dimension ist bemerkenswert. Zum Vergleich: Moderne Großprojekte in Deutschland erreichen inzwischen ebenfalls Anschlussleistungen von mehreren hundert Megawatt und stellen die Stromnetze vor neue Anforderungen. Deutsche Rechenzentren und kleinere IT-Infrastrukturen verbrauchten 2024 rund 20 Terawattstunden Strom, etwa vier Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs. Für 2030 rechnet eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums mit 31 TWh.

Neuquén bietet Pampa einen entscheidenden Standortvorteil: die unmittelbare Nähe zu den Gasvorkommen von Vaca Muerta. Damit zeigt sich aber zugleich ein Spannungsfeld der argentinischen Datacenter-Pläne. Während einige Vorhaben auf Wind- und Solarenergie setzen, könnte bei anderen zunächst Erdgas eine wichtige Rolle spielen.

Von 30 bis 3.000 Megawatt: eine lange Liste von Projekten

Pampa ist nicht allein. FlexDomes sucht laut Reuters Investoren für eine erste 120-MW-Phase in Neuquén, die rund 1,4 Milliarden US-Dollar kosten und mit Energie aus Vaca Muerta versorgt werden soll. Das polnische Unternehmen Green Capital plant in Chubut zunächst eine 300-MW-Anlage für rund 3 Milliarden US-Dollar. Theoretisch könnte sie später auf 3.000 MW wachsen und über eigene Wind- und Solaranlagen außerhalb des nationalen Stromnetzes versorgt werden. Auch dafür werden jedoch noch Investoren benötigt.

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Windkraft, Solarenergie und Erdgas konkurrieren in Patagonien um die Rolle als Energiequelle der neuen KI-Infrastruktur.

In Bahía Blanca entsteht unterdessen ein Technologiepark, dessen erste Phase 30 MW von Pampa Energía beziehen könnte. Die endgültigen Investitionsvereinbarungen werden Reuters zufolge bis Ende 2026 erwartet.

Die Zahlen verdeutlichen das Potenzial, aber auch die Unsicherheit. Ein angekündigter Maximalumfang ist weder mit einer gesicherten Finanzierung noch mit einem Bauauftrag gleichzusetzen.

Stargate Argentina: großes Versprechen, noch kein endgültiger Vertrag

Das gilt besonders für Stargate Argentina. OpenAI und Sur Energy kündigten das Vorhaben im Oktober 2025 als möglichen ersten Stargate-Standort in Lateinamerika an. Grundlage ist bislang eine Absichtserklärung (Letter of Intent) zur Prüfung eines groß angelegten Rechenzentrums. Sur Energy soll Energie und Infrastruktur entwickeln und ein Konsortium bilden; OpenAI bezeichnete sich in der ursprünglichen Mitteilung lediglich als möglichen Abnehmer.

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Der Strombedarf ist nur ein Teil der Gleichung: Auch Glasfaser, Kühlung, Wasserverbrauch und Netzausbau entscheiden über die Projekte.

Die für Stargate Argentina genannte Größenordnung von bis zu 25 Milliarden US-Dollar sollte deshalb nicht als bereits beschlossene Investition verstanden werden. Nach Reuters-Angaben arbeitete Sur Energy zuletzt mit der Provinz Neuquén an der Standortsuche, während eine endgültige Vereinbarung mit OpenAI noch ausstand.

Strom allein macht noch keinen KI-Standort

Patagoniens Attraktivität beruht auf einer ungewöhnlichen Kombination: starke Winde, Wasserkraft, Erdgas, niedrige Außentemperaturen und viel verfügbare Fläche. Für einen internationalen Rechenzentrumsstandort reicht das allerdings nicht.

Entscheidend sind leistungsfähige Stromnetze, redundante internationale Datenverbindungen, Finanzierung und langfristige regulatorische Sicherheit. Hinzu kommen Fragen nach Wasserverbrauch, Kühlung, Emissionen und Auswirkungen auf lokale Stromnetze. Bei Projekten im Umfeld von Loma de la Lata spielt zudem die frühzeitige Einbindung der dort lebenden Mapuche-Gemeinschaften eine Rolle.

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Ein zweiter Landepunkt für Unterseekabel könnte Patagoniens internationale Datenanbindung verbessern und die Abhängigkeit von Las Toninas reduzieren.

Auch die digitale Anbindung bleibt eine Herausforderung. Die Provinz Chubut und die argentinische Telekommunikationsbehörde ENACOM treiben deshalb einen zweiten Landepunkt für internationale Unterseekabel an der patagonischen Küste voran. Er soll Kapazität und Ausfallsicherheit erhöhen und die starke Abhängigkeit vom bisherigen Knoten Las Toninas reduzieren. Bislang handelt es sich jedoch um eine strategische Initiative und nicht um eine fertig finanzierte Infrastrukturmaßnahme.

Was Argentinien von Deutschland lernen kann

Auch ohne bislang bekannte direkte Beteiligung deutscher, österreichischer oder schweizerischer Unternehmen bietet die Entwicklung in Patagonien einen interessanten Vergleich mit dem DACH-Raum. Deutschland etwa kennt die Zielkonflikte eines schnellen Ausbaus von Rechenzentren bereits aus eigener Erfahrung, vor allem bei Strombedarf, Netzen, Effizienz und Kühlung.

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Ob Patagonien zum internationalen KI-Standort wird, entscheidet sich nicht an angekündigten Megawatt, sondern an Projekten, die tatsächlich gebaut werden.

Das deutsche Energieeffizienzrecht verpflichtet Betreiber ab bestimmten Größenordnungen zur Meldung von Verbrauchs- und Effizienzdaten. Die Bundesregierung beschloss im Juni 2026 zudem Änderungen der Vorgaben für Rechenzentren. Unter anderem sollen neue Anlagen mehr Zeit erhalten, Effizienzziele einzuhalten; die bilanzielle Deckung des Stromverbrauchs mit 100 Prozent erneuerbarer Energie ist nach dem Gesetzentwurf ab 2030 vorgesehen. Die Nutzung von Abwärme soll dort verlangt werden, wo ein Wärmenetz vorhanden ist.

Diese Erfahrungen zeigen, welche Fragen Argentinien möglichst vor dem Bau beantworten müsste: Wie effizient werden die Anlagen gekühlt? Woher kommt der Strom tatsächlich? Wie werden Netze ausgebaut? Kann Abwärme genutzt werden? Und welchen dauerhaften Beschäftigungseffekt erzeugen Milliardeninvestitionen nach Abschluss der Bauphase?

Patagonien besitzt zweifellos Eigenschaften, nach denen Betreiber großer KI-Infrastrukturen weltweit suchen. Ob daraus tatsächlich ein internationaler Datacenter-Standort entsteht, entscheidet sich jedoch nicht an der Zahl angekündigter Megawatt. Entscheidend wird sein, wie viele der heutigen Pläne Finanzierung, Verträge, Netzanbindung und schließlich den Schritt auf die Baustelle erreichen.

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