Rosario in Argentinien wurde am 6. Oktober erstmals Austragungsort des OktoberINVESTfest Latam. In der Bolsa de Comercio de Rosario trafen zehn ausgewählte Deeptech-Start-ups aus Lateinamerika auf deutsche und regionale Venture-Capital-Akteure. Organisiert wurde das Treffen von BCR Innova und dem Wirtschafts- und Innovationsbüro des Freistaats Bayern für Südamerika. Entscheidend war dabei nicht nur, wer den Pitch-Wettbewerb gewann, sondern warum Bayern ausgerechnet Rosario als Zugangspunkt zu lateinamerikanischer Technologie nutzt.
Das Format drehte die übliche Rollenverteilung teilweise um. Nicht nur die Unternehmen präsentierten ihre Technologien. Auch die Investoren stellten in sogenannten Reverse Pitches ihre Anlageschwerpunkte, Kriterien und Interessen vor. Hinzu kamen vorab koordinierte Einzelgespräche zwischen Fonds und Scale-ups. Ziel war ausdrücklich, Investitionen, Co-Investments und langfristige Verbindungen zwischen Deutschland und Lateinamerika anzubahnen.
Warum Bayern nach Rosario schaut
Pamela Valdivia, Vertreterin des bayerischen Büros für Südamerika, begründete die Wahl des Standorts mit einer bereits seit Jahren bestehenden Zusammenarbeit mit der Börse und dem lokalen Start-up-Umfeld. „Uns interessiert die hohe Konzentration wissenschafts- und technologiebasierter Start-ups“, sagte sie dem Wirtschaftsmagazin Punto Biz.

Die Auswahl des Treffens reichte von Biotechnologie und Agtech bis zu künstlicher Intelligenz, neuen Materialien und Ocean Tech. Für deutsche Akteure ist dabei gerade die Verbindung aus wissenschaftlicher Entwicklung und anwendungsnahen Märkten interessant. Simon Herzog, der UnternehmerTUM vertrat, hob besonders Agtech hervor und verwies zugleich auf den großen spanischsprachigen Markt sowie Spanien als möglichen Brückenkopf nach Europa.
Punto Biz zitierte Herzog zudem mit der Angabe, UnternehmerTUM verwalte zwischen 700 und 800 Millionen Euro und setze rund 100 Millionen Euro pro Jahr für die Beschleunigung von Start-ups ein. Zugleich erklärte er, bislang gebe es keine Investitionen in Lateinamerika. Über seine Motivation für die Reise sagte er knapp: „Deshalb bin ich hier.“ Eine Kapitalzusage für Argentinien oder eines der teilnehmenden Unternehmen war damit nicht verbunden.
Mehr als Geld: freie Industriekapazitäten als Angebot
Valdivia wies auf eine zweite Form der Zusammenarbeit hin, die über Venture Capital hinausgeht. Deutsche Unternehmen mit freien Produktionskapazitäten könnten diese Start-ups anbieten, die ihre Technologie skalieren wollen, ohne sofort ein eigenes Werk errichten zu müssen. Damit verschiebt sich die Frage von reiner Finanzierung hin zu industriellen Partnerschaften, Fertigung und Marktzugang.

Gerade für technologieintensive Unternehmen kann dieser Punkt entscheidend sein. Wer ein Material, ein Biotech-Verfahren oder eine industrielle Lösung aus dem Labor in größere Stückzahlen bringen will, braucht nicht nur Kapital, sondern auch Anlagen, Qualitätsprozesse, Zulieferer und potenzielle Kunden.
PolyMera gewinnt den Zugang nach Deutschland
Gewinnerin des Wettbewerbs wurde PolyMera aus Uruguay. Das Unternehmen wurde von Eloísa Arrarte, Carmina Reyes, Humberto González und der Argentinierin Sofía Moratorio gegründet und entwickelt nachhaltige Superabsorber auf Basis von Biopolymeren, die von antarktischen Bakterien produziert werden.

PolyMera arbeitet an einem natürlichen Superabsorber und einem Fermentationsverfahren, das den heute verbreiteten erdölbasierten Stoff Natriumpolyacrylat ersetzen soll. Einsatzfelder sieht das Unternehmen vor allem bei Windeln und anderen Hygieneprodukten; weitere Anwendungen sind unter anderem dort denkbar, wo die Wasseraufnahme des Materials genutzt werden kann.
Der Preis ist keine Investition. PolyMera erhält 2027 eine finanzierte Reise nach Deutschland und eine auf den eigenen Bedarf zugeschnittene Agenda mit möglichen Technologiepartnern, Unternehmen und industriellen Anwendern. Valdivia beschrieb das Konzept als eine gezielt vorbereitete Agenda, die Kontakte zu jenen Akteuren herstellen soll, die für den nächsten Entwicklungsschritt relevant sind.
Was für Argentinien bleibt
Auch argentinische Unternehmen nutzten die Plattform. Zu den Teilnehmern gehörten unter anderem Sylvarum, das Plasmaanwendungen für Saatgut entwickelt, Tintte mit bakteriell erzeugten Textilfarbstoffen und Abydos Bioscience, das Fette und Öle mittels mikrobieller Fermentation herstellen will. Über konkrete Investitionen oder Verträge für diese Unternehmen wurde bislang nichts bekanntgegeben.

Darin liegt zugleich die eigentliche Bedeutung des Treffens für Rosario. Der Erfolg lässt sich nicht am Veranstaltungstag messen, sondern erst später an Finanzierungsrunden, Pilotprojekten, Produktionsabkommen, Lizenzen oder Verkäufen. Bemerkenswert ist dabei die Richtung der Beziehung: Europäische Akteure kamen diesmal nicht primär nach Lateinamerika, um Technologie zu verkaufen. Sie kamen, um sie zu suchen.



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