24. 05. 2024

Buenos Aires (AT)Wintershall DEA ist das größte Öl- und Gasunternehmen deutschen Kapitals in Argentinien. Das Unternehmen ging 2019 aus dem Zusammenschluss der Wintershall Holding GmbH, einer Tochtergesellschaft der BASF, und der DEA Deutsche Erdoel AG, damals eine Tochtergesellschaft von LetterOne, hervor. Mit Förderlizenzen in Feuerland und Neuquén / Vaca Muerta ist die Wintershall DEA Argentina heute einer der fünf größten Erdgasproduzenten des Landes. Das Unternehmen ist an 15 Offshore- und Onshore-Feldern. Wintershall feiert in diesem Jahr ihr 45-jähriges Bestehen in Argentinien. Und wenn es um Jubiläen geht, hat Manfred Böckmann Zweifel: Das Jahr 2024 kann für den lokalen Energiesektor eine Wasserscheide bedeuten.

Insbesondere nach den geopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre glaubt der Chef von Wintershall DEA in Argentinien mehr denn je an die Wettbewerbsvorteile des Landes bei Erdgas und Erdöl; seien diese aus konventionellen Quellen oder aus alternativen Fördervorkommen, wie etwa Schiefer. Will Argentinien seine Standort-Vorteile nutzen, ist es jedoch darauf angewiesen, den Ausbau der Infrastrukturanbindung der Vorkommen einerseits und der Marktbedingungen andererseits zu steigern, betont Böckmann  

Vor allem im Norden Argentiniens gibt es beim Transport dringend Nachholbedarf. Das letzte Jahr brachte die Anbindung der Region Vaca Muerta -im Zentrum des Landes- über das Pipeline-System Nestor Kirchner an die Produktions- und Transport-Zentren im Osten. In diesem Jahr müssen die Nordprovinzen an das Transportnetz angeschlossen werde, um so auch einen verstärkten Export nach Brasilien und Bolivien zu ermöglichen, erklärt Böckmann. Auf Markseite hofft er, dass die neue Regierung die Investitions-Anreize und Schutzmechanismen schafft, wie etwa die Stärkung privat-öffentlicher Partnerschaften. Anlässlich seines 135-jährigen Bestehens sprach das Argentinische Tageblatt mit dem Lotsen von Wintershall DEA in Argentinien. Auch um aus erster Hand zu erfahren, was die unmittelbare Zukunft für das Unternehmen bringen kann, das Ende 2023 bekanntgab, seine Vermögenswerte in Ländern wie Argentinien an das Unternehmen Harbour Energy zu verkaufen.

Argentinisches Tageblatt: Wintershall DEA feiert ihr 45-jähriges Bestehen in Argentinien. Im Dezember 2023 hat das Unternehmen den Verkauf von Vermögenswerten an Harbour Energy angekündigt, darunter auch in Argentinien. Wo steht der deal heute?
Manfred Böckmann: Wie angekündigt, ist eine Absichtserklärung unterzeichnet worden. Sie beinhaltet den Verkauf von fünf Geschäftseinheiten an Harbour Energy. Davon ausgenommen sind die Standorte in Kassel und Hamburg sowie einige andere Unternehmungen. Die Teams aller beteiligten Parteien arbeiten seit Anfang des Jahres am Abschluss des deals. Wir gehen davon aus, dass er noch in diesem Jahr dazu kommen kann, aber das hängt immer von den Genehmigungen in den einzelnen Ländern ab. In Argentinien, zum Beispiel, gibt es andere Vorschriften als in Mexiko oder Ägypten. Die Genehmigungen in den einzelnen Länder zu erhalten, ist ein wichtiger Teil dieser Integrationsphase.

Was bedeutet das Abkommen konkret für das Geschäft von Wintershall DEA in Argentinien?
Das ist eine Frage, die Sie Harbour Energy am Ende des Prozesses stellen werden müssen. Ich kann die strategische Ausrichtung von Harbour Energy nicht kommentieren, weder in Bezug auf Argentinien noch auf andere Länder. Was ich sagen kann, ist, dass wir als Wintershall DEA seit 45 Jahren in Argentinien präsent sind und eine lange Tradition und guten Ruf als soliden und zuverlässiger Partner haben. Das ist ein wichtiges Mandat für uns.

Wo liegen die größten Chancen für Wintershall DEA in diesem Jahr in Argentinien?
Seit 2023 wächst der Energiesektor, insbesondere Öl & Gas, wieder. Nach einem Patt, im letzten Jahr werden wir 2024 mit einem klaren Plus abschließen. Der gesamte Sektor wächst stark. Zudem, lassen uns die Signale, die wir jetzt in Bezug auf den regulatorischen Rahmen sehen, weiter hoffen und motivieren. Vor allem das Exportgeschäft von Öl- und Gas dürfte dadurch Schub bekommen.

Wintershall, Projecto Fénix
Das Phoenix-Projekt ist eine Offshore-Joint Venture, das Invetitionen von US$ 700 Millionen erfordert hat. Partner sind Wintershall DEA, Total Energies (Operator), und der argentinische Konzern Pan American Energy (PAE).

Wie stark wächst das Geschäft der Wintershall Dea im Vergleich zum Vorjahr und wie lautet die Prognose des Unternehmens für 2024?
Wie gesagt, in den letzten zwei bis drei Jahren konnten wir unser Niveau halten. In diesem Jahr werden einige der großen Investitionsprojekte aus dem letzten Jahr Früchte tragen und für zusätzlichen Schwung sorgen. Allen voran das Offshore Projekt Phoenix (Fénix), dass wir in Südargentinien, mit unseren Partnern, Total, als Betreiber, und Pan American Energy, gemeinsam durchführen. Da werden wir im vierten Quartal dieses Jahres mit der Produktion beginnen. Darüber hinaus produzieren wir in Neuquén – sowohl konventionell als auch unkonventionell, d.h. Gas und Schieferöl – in Vaca Muerta.

Was bedeutet “erneutes Wachstum” konkret?
Unsere Produktion beläuft sich auf 59.000 Barrel Öläquivalent pro Tag, davon sind 92% Erdgas. Allein im Gasbereich waren wir im letzten Jahr an Projekten beteiligt, die 20-25% der lokalen Gasproduktion ausmachen. Wir produzieren 10 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag. Heute sind wir der sechstgrößte Produzent des Landes. Das entspricht einem Anteil von 7 bis 8 % an der lokalen Gasproduktion im Jahresdurchschnitt. Mit dem neuen Projekt im Süden – Phoenix – werden wir diesen Anteil im kommenden Jahr um etwa 10% steigern können. Wie Sie wissen, ist Wintershall DEA mit 37% an diesem Projekt beteiligt, das eine Vorabinvestition von 700 Millionen US$ erfordert hat.

Sie sprachen von ermutigenden Zeichen an der Regulierungsfront. Welche anderen Zeichen gibt es, die Hoffnung geben in einem so volatilen Umfeld wie es Argentinien immer war und die Welt heute ist?
Ermutigend ist die Tatsache, dass wir einen kontinuierlichen Ausbau der Infrastruktur des Sektors sehen. Das begann schon vor dem Regierungswechsel, wird aber jetzt von der neuen Regierung gezielt vorangetrieben. Es ermöglicht uns, unsere Exporte nach Chile und Brasilien auszubauen und in Zukunft sogar Gas nach Bolivien zu exportieren, anstatt es zu importieren. Denn hier hat Argentinien einen großen Wettbewerbsvorteil, den es ausnutzen kann: Die hiesigen Förderkosten sind vergleichsweise niedrig. Das ist ein großer komparativer Vorteil. Außerdem werden wir auch verflüssigtes Erdgas, also LNG, exportieren. Ich bin gehe davon aus, dass in den kommenden Jahren viele Initiativen, die in den letzten zwei Jahrzehnten in dieser Hinsicht gestartet wurden, umgesetzt werden können. Obwohl Argentinien in diesem Jahr noch LNG importieren muss, ist das Land nicht mehr weit von der Selbstversorgung entfernt.

Das Schlüsselwort ist hier oft “Infrastruktur”. Was braucht Wintershall DEA in dieser Hinsicht, um nicht nur die Produktion, sondern auch die Investitionen steigern zu können?
Was wir brauchen, ist eine Erweiterung des Pipelinenetzes. Vor allem aber die Umkehrung des Versorgungs-Flusses bei den Pipelines im Nordwesten des Landes. Argentinien führt immer geringere Mengen aus Bolivien ein, um den Nordwesten des Landes mit Gas zu versorgen. Der Fluss dieser Pipelinestruktur muss umgekehrt werden. Das erfordert Investitionen und ist zunächst eine Aufgabe der Regierung. Doch die Investitionen der öffentlichen Hand sind hier infolge der Sparprogramme der neuen Regierung ins Stocken geraten. Zweitens brauchen wir privat- öffentliche Partnerschaften, die private Investitionen in diese Art von Infrastruktur fördern. Das würde viele Dinge enorm beschleunigen. Vor allem, wenn auch der Kohlenwasserstofftransport durch Privat-Investitionen gefördert werden könnte. Auf der anderen Seite brauchen wir dringend einen regulatorischen und rechtlichen Rahmen, der den Zugang zu den Kapitalmärkten, den freien Kapitalverkehr und Steuervorteile für große Investitionen ermöglicht. Vor allem aber Investitions-Schutz: ein Rechtsrahmen, der langfristig gültig ist. Das ist der entscheidend.

Wintershall DEA, Neuquén
Die Region von Vaca Muerta, im Herzen Argentiniens, gilt als eines der größten Vorkommen für Schifererdgas und -erdöl.

Was für ein Programm schlägt dir die Regierung in dieser Hinsicht vor?
Dies ist eine politische Debatte. Natürlich können wir nicht ignorieren, dass sich das Land in einem tiefgehendem Umstrukturierungs-Prozess befindet. Große Teile der Bevölkerung, vor allem die Armen, sind jetzt von subventionierten Energiepreisen sowie von anderen Produkten und Dienstleistungen abhängig. Dies ist also eine politische Entscheidung. Allerdings ist es für uns auch wichtig – und zwar aus denselben Gründen, die ich dir vorhin genannt habe -, dass die bestehenden Vereinbarungen, die wir zum Beispiel mit früheren Regierungen getroffen haben, eingehalten und nicht von heute auf morgen durch neue, liberalere Vereinbarungen ersetzt werden. Mit anderen Worten: Das ganze Land befindet sich mitten im Übergang von einem System zum anderen. Und das geht nicht von heute auf morgen. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Aber der Schlüsselbegriff ist und bleibt: Vertragstreue.

Wo wird Wintershall DEA in diesem Jahr neue Felder in Argentinien erschließen?
Neben Feuerland und dem erwähnten Phoenix-Projekt haben wir noch mehrere kleinere Investitionsprojekte, die auf die Verringerung oder Vermeidung von Emissionen abzielen. Zum Beispiel die Elektrifizierung unserer Anlagen durch die Installation von Eckkraftwerken. Eines der spannendsten Projekte ist das im San Roque-Block in Vaca Muerta. Bislang haben wir dort nur konventionell Öl und Gas gefördert. Wir wollen aber auch, mit unseren Partnern Total, Pan American und YPF in Zukunft auch Schieferöl und -gas dort erschließen. Das wäre ein völlig neues und sehr großes Projekt. Ich hoffe, dass wir hier in 2024 einen großen Schritt nach vorne machen können.

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