Vaca Muerta steht vor einem neuen Größenproblem. Die Schieferformation im Westen Argentiniens hat ihre Ölproduktion in wenigen Jahren massiv gesteigert. Nun soll der nächste Sprung folgen: von rund 750.000 Barrel pro Tag in der Neuquén-Region auf etwa 1,5 Millionen bis 2030 oder 2031. Entscheidend wird dabei nicht allein sein, wie viele neue Bohrungen entstehen. Ohne zusätzliche Pipelines, Pumpstationen, Verarbeitungskapazitäten, Speicher und zuverlässige technische Systeme kann die Produktion nicht im gleichen Tempo wachsen.
Genau an diesem Punkt kommen Deutschland und deutsche Technologie ins Spiel. Nicht als Produzent von Kohlenwasserstoffen in Vaca Muerta, sondern als Anbieter einer hoch spezialisierten Industrie für Maschinenbau, Verfahrenstechnik und industrielle Lösungen. Dieser Ansatz stand auch im Mittelpunkt des Argentina Oil & Gas Tech Forum der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer AHK Argentina in Buenos Aires.

Von 750.000 auf 1,5 Millionen Barrel
Ricardo Hösel, CEO des Pipelinebetreibers Oldelval, machte die Dimension des bevorstehenden Sprungs deutlich. Noch 2020/21 lag die Ölproduktion der Neuquén-Region nach seinen Angaben bei ungefähr 250.000 Barrel pro Tag. Heute sind es rund 750.000.
Neue Transportkapazitäten wurden dabei regelmäßig schneller ausgelastet als ursprünglich erwartet. Sobald mehr Kapazität zur Verfügung stand, reagierte die Produktion entsprechend. Genau dieses Muster soll sich nun wiederholen.

Eine Schlüsselrolle spielt die neue Pipeline Vaca Muerta Oil Sur (VMOS). Nach den beim Forum vorgestellten Planungen soll sie Anfang 2027 zunächst etwa 180.000 Barrel pro Tag aufnehmen können. Bis Mitte des Jahres sollen es rund 390.000 und gegen Ende 2027 etwa 550.000 Barrel täglich sein.
Gemeinsam mit weiteren Ausbauprojekten wie Duplicar Norte sollen die Transportmöglichkeiten der Region damit auf mehr als 1,4 Millionen Barrel pro Tag steigen. Oldelval rechnet damit, dass die Produktion bei ausreichender Infrastruktur jährlich um etwa 150.000 bis 180.000 Barrel pro Tag zulegen könnte. So würde die Marke von 1,5 Millionen Barrel um 2030/31 erreichbar.
Die Zahlen zeigen zugleich, weshalb der nächste Ausbauzyklus technisch anspruchsvoller wird: Je mehr Rohöl durch die Systeme fließt, desto größer werden die Folgen von Stillständen, Wartungsproblemen oder Engpässen.

Deutsche Technik für den nächsten Wachstumsschritt
Für deutsche Unternehmen entsteht daraus ein Markt, der weit über Bohrtechnik hinausgeht. Gefragt sind Pumpen, Ventile, Kompressoren, Turbinen, Messtechnik, Automatisierung, Anlagenbau und Sicherheitstechnik.
Ragnar Strauch vom deutschen Maschinenbauverband VDMA stellte beim Forum vor allem die Effizienz in den Mittelpunkt. Deutsche Anbieter verfügten über Technologien, die Produktion, Transport und Verarbeitung von Kohlenwasserstoffen effizienter machen könnten.

Ein konkretes Beispiel liefert Siemens Energy. Das Unternehmen ist seit mehr als einem Jahrhundert in Argentinien präsent und beschäftigt nach eigenen Angaben rund 500 Mitarbeiter im Land. Fernando Caffarello, Vertriebsdirektor des Unternehmens, verwies auf die Bedeutung von Gasturbinen und Kompressoren für die Pipeline-Infrastruktur.
Siemens Energy eröffnete zudem bereits 2020 eine auf Oil & Gas ausgerichtete Niederlassung in Neuquén. Ziel sei es, näher an den Anlagen der Kunden zu sein und bei neuen Projekten sowie bei Wartung und Service schneller reagieren zu können.
Diese Nähe gewinnt mit wachsender Produktion an Bedeutung. Bei stärker ausgelasteten Pipelines wird Zuverlässigkeit zu einem wirtschaftlichen Faktor: Jede ungeplante Unterbrechung bedeutet nicht nur ein technisches Problem, sondern im Zweifel weniger exportierbares Öl.

Berlin will den Markteintritt absichern
Der deutsche Beitrag beschränkt sich allerdings nicht auf Maschinen und Ingenieurwissen. Andreas Schmidt, Vertreter des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, verwies beim Forum auf Instrumente, mit denen der Bund Geschäfte deutscher Unternehmen in Argentinien unterstützen kann.
Dazu gehören Exportkreditgarantien für Maschinenlieferungen, Garantien im Zusammenhang mit Rohstoffimporten aus Argentinien sowie Investitionsgarantien für Unternehmen, die sich vor Ort engagieren wollen. Für Argentinien gebe es dabei derzeit teilweise günstigere Bedingungen als für zahlreiche andere Märkte, erklärte Schmidt.

Hinzu kommt das Markterschließungsprogramm des Bundes. Es unterstützt insbesondere kleine und mittlere Unternehmen dabei, neue Auslandsmärkte zu erschließen und Geschäftspartner zu finden. Auch die deutsche Unternehmensdelegation zum AHK-Forum war Teil dieses Ansatzes.
Damit entsteht eine Kombination, die für Vaca Muerta interessant sein könnte: deutsche Technik auf der einen Seite, staatliche Instrumente zur Absicherung von Exporten und Investitionen auf der anderen.
Der eigentliche Wettbewerb beginnt außerhalb Argentiniens
Der Produktionssprung allein garantiert jedoch noch keinen wirtschaftlichen Erfolg. Genau hier verbindet sich die deutsche Technologiefrage mit einem zweiten Thema des Forums: den Kosten.
Strauch warnte davor, Vaca Muerta isoliert zu betrachten. Argentinien konkurriere auf den internationalen Energiemärkten unter anderem mit den USA, den Golfstaaten und afrikanischen Produzenten. „Argentinien ist nicht die einzige Alternative. Es ist eine Alternative“, lautete seine nüchterne Einschätzung.

Deshalb müsse die gesamte Wertschöpfungskette wettbewerbsfähig werden. Das betrifft den Upstream, also die Förderung selbst, ebenso wie den Midstream mit Transport und Verarbeitung und schließlich die nachgelagerten Bereiche bis zum Verkauf.
Gerade dort kann Technologie zum Kostenfaktor werden. Energieeffizientere Pumpen, zuverlässigere Kompressoren, präzisere Messsysteme oder vorausschauende Wartung sind keine spektakulären Großprojekte. Bei einer Produktion von mehr als einer Million Barrel am Tag können sie jedoch darüber entscheiden, wie viel des geförderten Rohöls tatsächlich zu wettbewerbsfähigen Kosten den Exportmarkt erreicht.
Mehr Produktion braucht mehr Infrastruktur
Dass dieses Prinzip nicht nur für Öl gilt, wurde beim Forum auch im Gasbereich deutlich. Tomás Córdoba, CEO von Compañía MEGA, warnte davor, den Ausbau des Upstream vom Midstream zu trennen. Wenn Verarbeitung und Transport nicht mitwachsen, werde zusätzliche Förderung zwangsläufig zum Engpass.
MEGA plant deshalb weitere Investitionen in die Verarbeitung und den Transport von Flüssiggasbestandteilen. Auch TGS stellte beim Forum ein Milliardenprojekt für zusätzliche Gasverarbeitungskapazitäten vor.

Die Logik ist in beiden Fällen dieselbe: Vaca Muerta hat inzwischen gezeigt, dass zusätzliche Infrastruktur schnell mit neuer Produktion gefüllt werden kann. Die nächste Herausforderung besteht darin, die gesamte industrielle Kette rechtzeitig vorzubereiten.
Für die deutsche Industrie liegt genau darin die Chance. Argentinien sucht nicht nur Kapital, sondern technische Lösungen, die große Fördermengen zuverlässig, effizient und international konkurrenzfähig machen.
Ob Vaca Muerta tatsächlich innerhalb von fünf Jahren die Marke von 1,5 Millionen Barrel erreicht, hängt von zahlreichen Investitionen gleichzeitig ab. Deutschland wird diesen Ausbau nicht allein ermöglichen. Doch Maschinenbau, Verfahrenstechnik, lokale Servicekapazitäten und staatliche Absicherungsinstrumente können zu einem wichtigen Teil dieses nächsten Wachstumsschritts werden.



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