12. 06. 2026

Von Gabriel G. Taboada*

Im Jahr 1998 betonte der damalige Bundeswirtschaftsminister Günther Rexrodt die Bedeutung einer „stabilen Partnerschaft und neuen Dynamik“ mit Asien. Dieses Motto „bezeichnet knapp und treffend unser Engagement im asiatisch-pazifischen Raum an der Schwelle zum 21. Jahrhundert“ und sagte auch, „daß die deutsche Wirtschaft unbeirrt weiter auf Asien setzt“1. So spiegelte er das deutsche Engagement im asiatisch-pazifischen Raum wider, insbesondere mit Blick auf China, das als Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft galt. Und er hatte recht, damals.

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Nach Jahrzehnten der Asienorientierung rückt der Mercosur stärker in den strategischen Fokus Europas.

Der Wandel: Neue Herausforderungen im Zuge der Globalisierung

28 Jahre später hat sich das wirtschaftliche Umfeld deutlich verändert. Die Globalisierung hat komplexe Lieferketten mit China geschaffen, die zunehmend durch geopolitische Spannungen und Exportkontrollen beeinträchtigt werden. Der jüngste Bericht „Exporting Control: China’s New Strategic Toolkit“2 der Europäischen Handelskammer in China zeigt, dass die chinesische Exportkontrollpolitik keine temporäre Maßnahme ist, sondern eine dauerhafte „neue Dynamik“ darstellt, die der von Rexrodt eingeleiteten Perspektive entgegensteht.

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Geopolitische Spannungen erhöhen den Druck, globale Lieferketten breiter aufzustellen.

Europäische Union (EU)-Mercosur-Abkommen: neue Chancen und Vorteile

Der EU-Mercosur-Vertrag eröffnet der europäischen Industrie und Dienstleistungswirtschaft neue Möglichkeiten, Lieferketten auch außerhalb Asiens aufzubauen. Mehrere Gründe sprechen dafür:

Effiziente Transportwege: Angesichts höherer Kraftstoffkosten sind kürzere Seetransportstrecken und geringere Transportzeiten entscheidend. Die Seefahrt Buenos Aires–Rotterdam ist deutlich kürzer3 als die von Shanghai nach Rotterdam und bietet damit wirtschaftliche Vorteile. Die geringeren Seefrachtkosten sollten auch die Verarbeitung von Rohstoffen im Mercosur fördern, sodass leistungsfähige Lieferketten mit Waren mit höchstmöglichem Mehrwert transportiert werden. Zudem sind diese Transportwege im Atlantik von keinen geopolitischen Engpässen betroffen.

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Versorgungssicherheit wird zu einem zentralen Faktor internationaler Wirtschaftsbeziehungen.

Energiereichtum und Versorgungssicherheit: Der Mercosur bietet Zugang zu Energiequellen, ohne von Lieferungen aus Übersee abhängig zu sein, was die Stabilität der Lieferketten erhöht.

Nachhaltigkeit und Rechtssicherheit: Das Abkommen schafft eine rechtliche Grundlage für den Ausbau nachhaltiger Lieferketten, einschließlich ihrer sozialen und ökologischen Dimension. Besonders in Argentinien wird diese Rechtssicherheit durch die Annahme von OECD-Standards im Rahmen des seit 2025 laufenden Aufnahmeverfahrens gestärkt.

Strategische Bedeutung für europäische Unternehmen

Für europäische Unternehmen bedeutet das EU-Mercosur-Abkommen eine umfangreichere Diversifizierung der bisherigen, stark auf Asien fokussierten Strategie des Ansatzes nach Rexrodt.

Diese neue Gelegenheit sollte nicht ungenutzt bleiben: Das EU-Mercosur-Abkommen muss durch den Ausbau konkreter Lieferketten mit Substanz gefüllt werden – entscheidend sowohl für europäische Unternehmen als auch für die Entwicklung mittelständischer Unternehmen im Mercosur. Nach 25 Jahren Verhandlungen darf der Vertrag weder wirtschaftlich irrelevant noch unausgeglichen sein.

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Argentinien stärkt seine institutionelle Anbindung an internationale Standards.

Empfehlenswert ist es, dass europäische Unternehmen das Abkommen mit ausgewogener wirtschaftlicher Substanz im biregionalen Industrie- und Dienstleistungshandel füllen. Eine abwartende Haltung („wait and see“) würde nicht nur die wirtschaftlichen Erwartungen verfehlen, sondern eventuell auch das Abkommen politisch mittelfristig gefährden, falls keine oder unausgewogenen wirtschaftlichen Ergebnisse für den Mercosur erzielt werden.

Die Aufgabe besteht darin, eine intra-industrielle Integration mit den dazugehörenden Dienstleistungen zu fördern, da diese ein unverzichtbarer Bestandteil der Lieferketten sind. Dies würde den wichtigsten Beitrag leisten: die politische Nachhaltigkeit des Abkommens, verankert in gegenseitigen wirtschaftlichen Vorteilen, die langfristig Rechtssicherheit und politische Partnerschaft stärken. Das ist die wahre „neue Dynamik“ von heute.

*Gabriel G. Taboada: Gesandter (im Ruhestand), Angehöriger des passiven Korps des Auswärtigen Dienstes Argentiniens.

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