Das 2019 in Frankfurt gegründete Fintech Exaloan zählt Argentinien zu den Märkten, die das Unternehmen im Rahmen seiner Expansion nach Lateinamerika prüft. Vertreter des Unternehmens waren vor einigen Wochen im Land und arbeiteten dabei mit German Accelerator zusammen. Für Andreas Höfner, Chairman von Exaloan, ist das internationale Interesse an Argentinien deutlich gestiegen: „Argentinien ist zurück auf der ökonomischen Weltkarte“, sagt er.
Exaloan entwickelt technologische Infrastruktur für Investitionen in digitale Kredite. Über die Plattform Loansweeper können professionelle Investoren Kreditportfolios verschiedener Fintech-Anbieter analysieren, vergleichen und überwachen. Künstliche Intelligenz wird dabei eingesetzt, um Daten zu standardisieren und Kreditrisiken zu bewerten. Nach Angaben des Unternehmens ist Loansweeper mit mehr als 40 Originatoren verbunden und kann einzelne Kredite in weniger als zwei Sekunden bewerten.
Nach eigenen Angaben arbeitet Exaloan seit mehr als drei Jahren mit institutionellem Kapital. Das Unternehmen beziffert das aktuell über seine Strategie verwaltete Volumen auf rund 40,5 Millionen Euro. In den vergangenen zwölf Monaten seien Kredite im Umfang von 111 Millionen Euro verarbeitet worden; 46 Originatoren stellten Exaloan zudem eigene Kreditdaten zur Verfügung. Das Unternehmen will damit eines der strukturellen Probleme des digitalen Kreditmarktes lösen: unterschiedliche Risikomodelle, Renditedefinitionen und Ausfallkriterien verschiedener Plattformen vergleichbar zu machen.
Der Besuch in Argentinien diente auch dazu, das Geschäftsmodell in Lateinamerika zu validieren. Im Interview mit dem Argentinischen Tageblatt erklärt Höfner, warum Exaloan Argentinien und Brasilien in den Blick nimmt, wie er das technologische Potenzial des Landes bewertet und welche Rolle das EU-Mercosur-Abkommen sowie Vaca Muerta für europäische Unternehmen spielen könnten. Zugleich äußert er sich kritisch zur wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands und weist darauf hin, dass den Chancen in Argentinien weiterhin erhebliche politische, regulatorische und währungsbezogene Risiken gegenüberstehen.

Wo steht Exaloan innerhalb der Fintech-Welt?
Exaloan unterstützt professionelle Investoren dabei, Kapital gezielt und sicher in digitale Kredite zu investieren. Mithilfe künstlicher Intelligenz werten wir Daten von Kreditnehmern sowie Transaktions- und Verhaltensdaten aus, erkennen Risiken frühzeitig und überwachen Kreditportfolios fortlaufend. So können Investoren unterschiedliche Kreditplattformen über eine zentrale technologische Infrastruktur effizient prüfen, steuern und miteinander vergleichen. Mittelfristig ermöglicht der Einsatz von KI eine präzisere Risikobewertung und damit bessere Kreditbedingungen – insbesondere für private Kreditnehmer.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem German Accelerator konkret aus?
Im Mittelpunkt der Zusammenarbeit stehen unsere Expansionsbemühungen und die Validierung unseres Geschäftsmodells in Lateinamerika, insbesondere in Argentinien und Brasilien. Die Zusammenarbeit hat für uns einen unschätzbaren Wert: Ohne diese Unterstützung wären der Markteintritt und der Aufbau relevanter Kontakte weitaus zeitaufwendiger und komplexer. Besonders hervorzuheben ist das hochprofessionelle Team in Argentinien, das uns mit lokalem Marktwissen, strategischer Beratung und einem ausgezeichneten Netzwerk unterstützt. Wir sind von der Zusammenarbeit absolut begeistert und blicken sehr optimistisch auf unsere weiteren Geschäftsaussichten in Argentinien.
Warum spielen Fintechs heute eine so wichtige Rolle in der Wirtschaft, und wird diese Bedeutung noch zunehmen?
Fintechs können innovative Prozesse und Produkte in aller Regel schneller und effizienter umsetzen als große, bereits etablierte Finanzdienstleister, insbesondere Banken. Im gegenwärtigen KI-Zeitalter gilt dies umso mehr: Auch kleinere Unternehmen sind heute in der Lage, anspruchsvolle Produkte und komplexe Prozesse in kurzer Zeit zu entwickeln und zur Marktreife zu bringen.
Meines Erachtens wird die Bedeutung von Fintechs weiter zunehmen – und mit ihr der Wettbewerbsdruck in der Finanzbranche. Für die Kunden sind das sehr gute Nachrichten: Effizienzsteigerungen führen zu Kostensenkungen und machen Finanzdienstleistungen, insbesondere Kredite, strukturell günstiger.
Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Lage Deutschlands derzeit ein? Braucht es einen Kurswechsel, wirtschaftlich wie politisch?
Für Deutschland bin ich derzeit leider weniger optimistisch. Unverändert verfügt das Land über eine starke industrielle Basis, hervorragend ausgebildete Fachkräfte und großes technologisches Know-how. Gleichzeitig haben wir bei Wachstum, Digitalisierung, Bürokratieabbau und internationaler Wettbewerbsfähigkeit deutlich an Boden verloren. Der notwendige wirtschaftliche und politische Kurswechsel steht aus meiner Sicht noch aus. Auch die aktuelle politische Lage gibt wenig Anlass zu der Hoffnung, dass die erforderlichen Reformen schnell und entschlossen umgesetzt werden.
Botschafter Lamlé meinte, jetzt sei der richtige Moment, um in Argentinien zu investieren und auf das Land zu setzen. Was steckt aus Ihrer Sicht hinter dieser Einschätzung?
Argentinien ist zurück auf der ökonomischen Weltkarte und befindet sich zweifellos in einer Phase tiefgreifender wirtschaftlicher Neuordnung. Die eingeleiteten Reformen verbessern die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln und eröffnen langfristig orientierten Investoren attraktive Möglichkeiten.
Gleichzeitig bestehen unbestritten weiterhin erhebliche politische, regulatorische und währungsbezogene Risiken. Für uns überwiegen die Chancen jedoch deutlich. Wer sich frühzeitig und mit einem langfristigen Horizont engagiert, wird meiner Meinung nach von der gegenwärtigen Entwicklung in besonderem Maße profitieren. Wir sind jedenfalls fest entschlossen, in den argentinischen Markt einzutreten.
Was macht Argentinien gerade so interessant, wenn man von Europa aus auf das Land blickt?
Sicherlich ist es vor allem die erkennbare Dynamik: In Argentinien passiert etwas. Neben den häufig genannten Faktoren – den umfangreichen natürlichen Ressourcen, dem technologischen Talent und der großen kulturellen Nähe zu Europa – erleben wir derzeit auch eine Neubewertung der geostrategischen Bedeutung des Landes. Europa muss seine wirtschaftlichen Partnerschaften, Rohstoffquellen und Lieferketten stärker diversifizieren. Argentinien wird dabei eine zentrale Rolle einnehmen.
Wie schneidet Argentinien im Vergleich zu Brasilien ab, der großen Wirtschaftsmacht der Region?
Brasilien ist aufgrund seines deutlich größeren Binnenmarktes und seiner breiteren industriellen Basis zweifellos die dominierende Wirtschaftsmacht der Region. Als Technologieanbieter ist für Exaloan jedoch weniger die absolute Größe eines Marktes entscheidend als vielmehr das konkrete Geschäftspotenzial – und dieses ist in beiden Ländern gegeben. In jedem Fall ist Argentinien gegenwärtig in den deutschen Medien deutlich präsenter als Brasilien. Dazu tragen die politische und wirtschaftliche Entwicklung, die ausgeprägten rhetorischen Fähigkeiten von Präsident Milei sowie sicherlich auch der Erfolg bei der Fußball-Weltmeisterschaft und die außergewöhnliche Geschichte von Lionel Messi bei.
Welche Erwartungen setzt man in Europa in das Abkommen zwischen EU und Mercosur?
In Europa gehen die Meinungen über das Abkommen weit auseinander, wie auch die Diskussionen im Europäischen Parlament zeigen. Deutschland gehört aus meiner Sicht zu den klaren Befürwortern. Insbesondere deutsche Industriekreise verbinden mit dem Abkommen die Erwartung eines besseren Marktzugangs, geringerer Handelsbarrieren und engerer wirtschaftlicher Beziehungen zu Südamerika. Ich glaube zudem, dass das Mercosur-Abkommen ein wichtiges geostrategisches Signal für die vertiefte Zusammenarbeit zweier großer wirtschaftlicher und politischer Machtblöcke ist.

Wie bewerten Sie das technologische Talent, das Argentinien zu bieten hat?
Weitaus besser, als ich ursprünglich erwartet hatte. Europa ist weit entfernt, und unsere Perspektive auf Argentinien ist gelegentlich etwas naiv oder von überholten Vorstellungen geprägt. Bei meinen Kontakten und Kooperationsgesprächen mit argentinischen Technologieunternehmen und Fachkräften bin ich jedenfalls immer wieder positiv überrascht – sowohl von der fachlichen Qualität als auch von der Kreativität, dem Pragmatismus und der internationalen Orientierung.
Besonders ausgeprägt ist die Resilienz. Argentinien ist ein harter Markt, und wer sich hier erfolgreich durchsetzen kann, verfügt neben fachlichen Qualitäten in aller Regel auch über große mentale Stärke.
Könnte Vaca Muerta für ein Fintech ein Argument sein, sich mit Argentinien zu beschäftigen?
In der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Situation ist Vaca Muerta ein echter Gamechanger. Das Projekt dürfte erheblich mehr ausländische Direktinvestitionen nach Argentinien ziehen und weit über den Energiesektor hinaus wirtschaftliche Dynamik erzeugen. Geostrategisch ist Argentinien als verlässlicher Energie- und Rohstoffpartner für Europa inzwischen nahezu alternativlos.
Ein gutes Beispiel ist der achtjährige LNG-Liefervertrag zwischen dem bundeseigenen deutschen Energieunternehmen SEFE und dem argentinischen Konsortium Southern Energy. Ab 2027 sollen jährlich bis zu zwei Millionen Tonnen LNG aus Vaca Muerta geliefert werden – rechnerisch eine Größenordnung von rund drei Prozent des deutschen Gasverbrauchs.
Die zu erwartenden ausländischen Direktinvestitionen sollten einen erheblichen Einfluss auf das argentinische Wirtschaftswachstum haben. Für Fintechs ist eine wachsende Volkswirtschaft grundsätzlich attraktiv, denn Wachstum auf Unternehmensebene lässt sich wesentlich leichter realisieren, wenn die gesamte Wirtschaft eine positive Dynamik entwickelt. Wenn das Wasser steigt, steigen eben auch alle Boote.
Wie wird der politische Kurswechsel unter Javier Milei in Europa wahrgenommen, und wirkt er sich auch auf die Investitionsbereitschaft aus?
Javier Milei hat Argentinien zurück in die internationalen Nachrichten gebracht. Der politische Kurswechsel erzeugt enorme Aufmerksamkeit – und deren Bedeutung kann man kaum hoch genug einschätzen. Investoren beschäftigen sich wieder intensiv mit einem Land, das zuvor häufig nicht auf ihrer Prioritätenliste stand.
Natürlich wird Mileis Kurs in Europa kontrovers diskutiert. Aus wirtschaftlicher Sicht werden insbesondere die Haushaltskonsolidierung, die Bekämpfung der Inflation und die stärkere Marktöffnung positiv wahrgenommen. Wenn es Argentinien gelingt, die Reformen dauerhaft zu verankern und stabile Rahmenbedingungen zu schaffen, wird das Land erhebliches internationales Kapital anziehen.
Exaloans Engagement befindet sich noch in einer Phase der Marktprüfung und Validierung. Der Besuch zeigt jedoch, dass Argentinien für Teile der deutschen und europäischen Technologieszene wieder zu einem Markt geworden ist, den Unternehmen genauer beobachten.


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