Buenos Aires wird Anfang November erneut zu einem internationalen Zentrum der Erinnerungspolitik. Vom 2. bis 5. November findet in der argentinischen Hauptstadt die zweite Jahrestagung der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) unter argentinischem Vorsitz statt. Österreich will das Treffen zugleich nutzen, um seine Ambitionen für 2028 sichtbar zu machen: Botschafter Gerhard Mayer kündigte eine österreichische Delegation unter Leitung von Nikolaus Marschik sowie die Bewerbung seines Landes um den künftigen IHRA-Vorsitz an.
Bereits am 26. Oktober hatte Mayer das Thema in seiner an die österreichische Gemeinschaft in Argentinien gerichteten Botschaft zum Nationalfeiertag aufgegriffen, die im Argentinischen Tageblatt veröffentlicht wurde. Wenige Tage zuvor hatte er sich auch beim Empfang zum österreichischen Nationalfeiertag in seiner Residenz in Buenos Aires dazu geäußert. Dort verband er die Bewerbung ausdrücklich mit Österreichs historischer Verantwortung und äußerte die Hoffnung, Buenos Aires möge seinem Land bei der Kandidatur „Glück bringen“.

Marschik bringt diplomatisches Gewicht nach Buenos Aires
Nikolaus Marschik ist seit September 2023 Generalsekretär für auswärtige Angelegenheiten im österreichischen Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten. Damit gehört er zur höchsten Führungsebene des Außenministeriums. Zuvor war er unter anderem österreichischer Botschafter in Deutschland und anschließend Leiter der Ständigen Vertretung Österreichs bei der Europäischen Union in Brüssel.
Seine angekündigte Teilnahme verleiht dem österreichischen Auftritt in Buenos Aires entsprechend politisches Gewicht. Welche bilateralen Gespräche Marschik während seines Aufenthalts führen wird und wie die österreichische Delegation vollständig zusammengesetzt sein wird, ist bislang jedoch nicht öffentlich detailliert worden.

Auch das Verfahren und der genaue Zeitplan für Österreichs Bewerbung um den IHRA-Vorsitz 2028 sind derzeit auf den öffentlich zugänglichen Seiten der Allianz nicht näher beschrieben. Die Kandidatur ist deshalb klar von einer bereits erfolgten Entscheidung zu unterscheiden.
Argentinien erstmals im Zentrum der IHRA
Argentinien führt die IHRA derzeit als erstes südamerikanisches Land. Die Organisation zählt 35 Mitgliedstaaten; Argentinien ist darunter das einzige Vollmitglied aus Lateinamerika. Uruguay besitzt Beobachterstatus.
Das zweite Plenum vom 2. bis 5. November ist bereits seit Beginn der argentinischen Präsidentschaft im offiziellen Kalender vorgesehen. Am Vortag, dem 1. November, soll zudem eine lateinamerikanische Konferenz für Regierungsvertreter und Organisationen stattfinden.

Die erste Jahrestagung fand vom 1. bis 4. Juni ebenfalls in Buenos Aires statt. Delegierte und Experten arbeiteten dort unter anderem zu Holocaust-Erziehung, Forschung, Erinnerungsarbeit, dem Genozid an den Roma und dem Kampf gegen Antisemitismus. Auch der Zugang zu Archiven, deren Digitalisierung und die Frage, wie Erinnerung an künftige Generationen weitergegeben werden kann, spielten eine zentrale Rolle.
Welche konkreten Beschlüsse beim November-Plenum zur Abstimmung stehen werden, ist bislang öffentlich nicht im Detail bekannt.
Was ist die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA)?
Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) ist ein zwischenstaatliches Bündnis, das Regierungen und Fachleute zusammenbringt, um die Erinnerung an den Holocaust, Forschung und Bildungsarbeit zu stärken. Die Organisation wurde 1998 gegründet und zählt heute 35 Mitgliedstaaten. Argentinien ist das einzige Vollmitglied aus Lateinamerika.

Die Arbeit der IHRA reicht von Holocaust-Erziehung und Archivzugang bis zur Bekämpfung von Antisemitismus, Holocaust-Leugnung und -Verzerrung. Fachgruppen und Delegationen erarbeiten Empfehlungen, Forschungsgrundlagen und gemeinsame Arbeitsdefinitionen, die Regierungen und Institutionen als Orientierung für ihre jeweiligen nationalen Maßnahmen dienen können.
Eine besondere Rolle spielen die jährlich wechselnden Präsidentschaften. Das jeweilige Vorsitzland organisiert die Plenartagungen, setzt politische und fachliche Schwerpunkte und koordiniert die Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten. Argentinien hat den Vorsitz bis Ende Februar 2027 inne. Österreich gehörte der Allianz bereits seit 2001 an und führte sie 2008 schon einmal.
Österreich und die eigene historische Verantwortung
Österreich gehört der IHRA seit 2001 an und hatte bereits 2008 den Vorsitz inne. Die heutige Delegation wird gemeinsam aus dem Außenministerium und dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus geführt. Hannah Lessing, Generalsekretärin des Nationalfonds, ist Ko-Leiterin der österreichischen Delegation.

Damit berührt eine erneute österreichische Kandidatur auch die Frage, welche erinnerungspolitischen Akzente Wien setzen will. Österreichs eigene IHRA-Dokumentation betont die Verantwortung des Landes für die Shoah sowie die Bedeutung von Holocaust-Erziehung, Forschung und der Auseinandersetzung mit Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Hasskriminalität.
Mayer stellte diesen Zusammenhang auch in Buenos Aires ausdrücklich her. Im Laufe des Jahres unterstützte die österreichische Vertretung nach seinen Angaben Projekte zu Erinnerung, Exil und Menschenrechten. Bei der Feier zum Nationalfeiertag kündigte er zudem eine Veranstaltung zu einem Lateinamerika-Band des österreichischen Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus an.
Zwei Länder mit unterschiedlichen Erinnerungsgeschichten
Gerade Buenos Aires ist für diese Debatte kein neutraler Ort. Beim ersten IHRA-Plenum beschäftigten sich eigene Workshops sowohl mit dem Leben von Holocaust-Überlebenden in Argentinien als auch mit Nationalsozialisten, die nach dem Krieg in das Land gelangten. Die argentinische Präsidentschaft will Erinnerung bewusst über klassische Gedenkorte hinaus auf Bildung, Forschung und die spanischsprachige Welt ausweiten.

Damit treffen zwei unterschiedliche historische Erfahrungen aufeinander: Österreich muss sich mit der Beteiligung von Österreichern am Nationalsozialismus und der Verfolgung auseinandersetzen; Argentinien wurde nach 1945 sowohl zur neuen Heimat Tausender Überlebender als auch zum Zufluchtsort nationalsozialistischer Täter. Nach Angaben der argentinischen Regierung kamen mehr als 5.000 Holocaust-Überlebende nach dem Zweiten Weltkrieg ins Land.
Deutschland und die Schweiz gehören ebenfalls zu den 35 IHRA-Mitgliedstaaten. Fragen nach Archiven, Bildung, Antisemitismus und digitaler Erinnerung betreffen daher nicht nur Österreich und Argentinien, sondern die gesamte deutschsprachige Region.
Für Wien wird das Treffen vom 2. bis 5. November deshalb mehr sein als ein weiterer Termin im multilateralen Kalender. Wenn Österreich tatsächlich den Vorsitz 2028 übernehmen will, beginnt in Buenos Aires die sichtbarste Phase einer Bewerbung, bei der historische Verantwortung und aktuelle Erinnerungspolitik eng miteinander verbunden sind.


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