17. 07. 2026

Die Entscheidung des Europäischen Parlaments, einen Vorschlag der Europäischen Kommission zur Änderung der Delegierten Verordnung 2019/807 abzulehnen, wurde in Argentinien sowohl von der Regierung als auch von der Biodieselbranche als wichtiger Erfolg gewertet. Aus Sicht der argentinischen Diplomatie handelt es sich jedoch lediglich um einen Zwischenschritt. Bereits in der kommenden Woche wird eine offizielle Delegation nach Brüssel reisen, um die Gespräche mit den europäischen Institutionen fortzusetzen.

Im Mittelpunkt steht die Hoffnung, dass europäische Importeure ihre nahezu zum Erliegen gekommenen Biodieselkäufe aus Argentinien wieder aufnehmen. Gleichzeitig möchte Buenos Aires erreichen, dass künftige europäische Vorschriften die Besonderheiten des argentinischen Agrarsystems stärker berücksichtigen.

Ein Streit um Nachhaltigkeitskriterien

Auslöser der Kontroverse war der Vorschlag der Europäischen Kommission, argentinisches Soja als Rohstoff mit hohem Risiko eines sogenannten indirect land use change (iLUC) einzustufen. Dieses Konzept geht davon aus, dass der verstärkte Anbau von Energiepflanzen indirekt zur Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen und damit zur Umwandlung natürlicher Ökosysteme führen kann.

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Die Entscheidung des Europäischen Parlaments eröffnet Argentinien neue Hoffnungen auf eine Rückkehr in den europäischen Biodieselmarkt.

Wäre diese Einstufung in Kraft getreten, hätte Biodiesel aus argentinischem Soja künftig kaum noch zur Erfüllung der europäischen Vorgaben für erneuerbare Energien beitragen können. Entsprechend groß war die Sorge in der Exportwirtschaft, da die Europäische Union nahezu der einzige Absatzmarkt für argentinischen Biodiesel ist.

Stillstand im Handel

Nach Angaben des argentinischen Außenministeriums führte bereits die Vorlage des Kommissionsentwurfs zu erheblichen Unsicherheiten am Markt. Europäische Importeure hätten seitdem kaum noch neue Lieferverträge abgeschlossen.

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Buenos Aires setzt den Dialog mit Brüssel fort, um die Handelsbeziehungen im Biodieselsektor wieder zu beleben.

„Was wir jetzt brauchen, ist die Wiederaufnahme der Käufe. Das löst zwar nicht alle Probleme, ist aber ein Schritt in die richtige Richtung“, erklärten Vertreter des Außenministeriums. Die Exportzahlen für Biodiesel waren bereits im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen und verharren weiterhin auf niedrigem Niveau.

Für die argentinische Regierung geht es jedoch nicht ausschließlich um die Wiederaufnahme des Handels. Langfristig soll die Europäische Union anerkennen, dass sich das Produktionssystem für Sojabohnen in Argentinien grundlegend von den Modellen unterscheidet, auf denen die derzeitigen europäischen Bewertungsmethoden beruhen.

Argentinien fordert eine differenzierte Bewertung

Nach Darstellung der argentinischen Verhandlungsführer weist das Land erhebliche Unterschiede gegenüber anderen Sojaproduzenten auf.

„Wir verfügen über ein Produktionssystem, das sich deutlich von allen anderen großen Sojaanbauregionen unterscheidet. Unser Ziel ist es, dass diese Besonderheiten auch regulatorisch anerkannt werden“, betonten die zuständigen Stellen.

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Argentinien fordert eine Bewertung, die die Besonderheiten seines Agrarmodells stärker berücksichtigt.

Dieses Argument bildete den Kern der argentinischen Strategie, die bereits Ende vergangenen Jahres vorbereitet wurde. Daran beteiligt waren neben dem Außenministerium auch Fachleute der Staatssekretariate für internationale Wirtschaftsbeziehungen sowie für Landwirtschaft, Vertreter der Industrieverbände CIARA und CARBIO sowie zahlreiche technische Experten.

Technisches Gutachten stellt EU-Methodik infrage

Ein zentrales Element der argentinischen Argumentation war ein Fachgutachten, das im Auftrag der Branchenverbände CIARA und CARBIO von den Expertinnen und Experten Sabine Papendieck, María Paz Tieri und Mariano Minaglia erarbeitet wurde. Das Dokument analysiert die Delegierte Verordnung 2019/807 Punkt für Punkt und schlägt konkrete Änderungen an der europäischen Methodik vor.

Nach Angaben der argentinischen Seite griffen mehrere Europaabgeordnete Argumente auf, die bereits in diesem Gutachten formuliert worden waren.

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Die europäische Einstufung von Soja als iLUC-Risikokultur bleibt einer der umstrittensten Punkte der Debatte.

Im Mittelpunkt der Kritik steht der Begriff des indirect land use change (iLUC) selbst. Nach Auffassung der Autoren handelt es sich dabei nicht um eine unmittelbar messbare physische Auswirkung, sondern um eine Modellannahme, die auf wirtschaftlichen Prognosen über die Entwicklung internationaler Agrarmärkte basiert. Weder die internationalen ISO-Standards zur CO₂-Bilanzierung noch die Leitlinien des Weltklimarats (IPCC) würden iLUC als direkt überprüfbare Bilanzierungsgröße anerkennen.

Argentinien verweist auf sein eigenes Produktionsmodell

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den aus argentinischer Sicht zu pauschalen Ansatz der europäischen Regelung.

Nach Darstellung des Gutachtens unterscheidet die derzeitige Bewertung nicht ausreichend zwischen Ländern mit sehr unterschiedlichen landwirtschaftlichen Strukturen. Dadurch werde Argentinien in dieselbe Risikokategorie eingeordnet wie Regionen mit einer aktiven Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen, obwohl sich die landwirtschaftliche Nutzfläche des Landes seit Jahren weitgehend stabil entwickelt habe oder sogar leicht zurückgegangen sei.

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Für die Biodieselbranche ist Europa nach wie vor der wichtigste Exportmarkt.

Die Autoren verweisen darauf, dass die Europäische Kommission selbst eingeräumt habe, bislang nicht über ausreichend validierte Daten speziell für Argentinien zu verfügen.

Nach Auffassung der argentinischen Fachleute beruht das Wachstum der Sojaproduktion heute vor allem auf Produktivitätssteigerungen und einer intensiveren Nutzung bereits vorhandener Anbauflächen – nicht auf einer Ausweitung der Agrarfläche.

Doppelanbau als Schlüsselargument

Als besonders aussagekräftiges Beispiel nennt das Gutachten den sogenannten Zweitfruchtanbau (segunda soja).

Dabei wird unmittelbar nach der Weizen- oder Gerstenernte erneut Soja auf derselben Fläche ausgesät. Dieses Verfahren ermöglicht zwei Ernten innerhalb eines Jahres, ohne zusätzliche Flächen in Anspruch zu nehmen.

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Direktsaat zählt seit Jahren zu den wichtigsten nachhaltigen Anbaumethoden der argentinischen Landwirtschaft.

Nach Auffassung der Autoren handelt es sich dabei um den deutlichsten Ausdruck einer nachhaltigen Produktionsintensivierung: Die landwirtschaftliche Nutzung werde zeitlich intensiviert, ohne räumlich ausgeweitet zu werden.

Der Anteil dieses Produktionssystems an der argentinischen Sojaernte ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen – von rund 13 Prozent in der Saison 2008/09 auf inzwischen etwa 25 bis 28 Prozent.

Nachhaltigkeit soll stärker berücksichtigt werden

Das Gutachten weist zudem auf einen weiteren Aspekt hin: Nach Ansicht der argentinischen Experten benachteiligt die aktuelle europäische Methodik gerade jene Betriebe, die bereits früh nachhaltige Produktionsverfahren eingeführt haben.

Als Beispiel nennen sie landwirtschaftliche Betriebe, die seit Jahrzehnten auf Direktsaat setzen. Da diese Verbesserungen bereits vor langer Zeit umgesetzt wurden, könnten sie heute kaum noch zusätzliche Nachhaltigkeitsmaßnahmen nachweisen, obwohl sie seit Jahren besonders ressourcenschonend wirtschaften.

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Das Rückverfolgbarkeitssystem VISEC soll Transparenz entlang der gesamten Lieferkette gewährleisten.

Gleichzeitig verweist Argentinien auf bestehende Kontrollinstrumente. Besonders hervorgehoben wird die Plattform VISEC, mit der sich exportierte Sojabohnen bis zur jeweiligen Anbaufläche zurückverfolgen lassen. Das System dokumentiert nach Angaben der Branche die Einhaltung eines Entwaldungsverbots für Flächen, die nach 2020 gerodet wurden, und ergänzt bereits bestehende internationale Zertifizierungen.

Verhandlungen gehen weiter

Mit der Ablehnung des Kommissionsvorschlags im Europäischen Parlament betrachtet Buenos Aires die Diskussion keineswegs als beendet.

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Die Verhandlungen in Brüssel könnten richtungsweisend für künftige Handelsbeziehungen zwischen der EU und Argentinien sein.

Die bevorstehenden Gespräche in Brüssel sollen genutzt werden, um eine stärker regional ausgerichtete Risikobewertung zu erreichen, den Doppelanbau als nachhaltige Bewirtschaftungsform anerkennen zu lassen und weitere technische Kriterien an die Besonderheiten des argentinischen Agrarsystems anzupassen.

Aus Sicht der argentinischen Regierung geht es dabei nicht nur um den Biodieselhandel. Die laufenden Verhandlungen gelten zugleich als wichtiger Präzedenzfall für die zukünftige Ausgestaltung europäischer Nachhaltigkeitsstandards im Agrarsektor und deren Auswirkungen auf die Handelsbeziehungen zwischen der Europäischen Union und ihren internationalen Partnern.

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