Córdoba rückte Anfang November für zwei Tage ins Zentrum eines ungewöhnlichen Austauschs zwischen Wissenschaft in Argentinien und Europa. Am 2. November erhielt Katerina Harvati, Professorin für Paläoanthropologie an der Universität Tübingen und Direktorin des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment, dort den Albert Einstein World Award for Science 2026. Die 41. Preisverleihung des World Cultural Council fand erstmals an einer Universität in Südamerika statt.
Tübingen als wissenschaftlicher Bezugspunkt
Harvatis wissenschaftliche Laufbahn ist seit vielen Jahren eng mit Deutschland verbunden. Seit 2009 arbeitet sie an der Universität Tübingen. Zuvor war sie unter anderem am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig tätig. 2021 erhielt sie den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis, seit 2022 gehört sie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina an. In Tübingen ist sie zudem Sprecherin des 2026 gestarteten Exzellenzclusters „Human Origins“.

Ihr Fachgebiet verbindet klassische Paläoanthropologie mit digitalen Methoden. Harvati gehörte zu den Forschenden, die geometrische 3D-Morphometrie und virtuelle Rekonstruktionen systematisch auf menschliche Fossilien anwandten. Beschädigte Schädel oder einzelne Fragmente können dadurch digital rekonstruiert, vermessen und mit anderen Funden verglichen werden.
Apidima 1 verschob die Zeitleiste
Besonders bekannt wurde Harvati durch die Neubewertung des Fossils Apidima 1 aus Südgriechenland. Ihr Team datierte den Schädel auf rund 210.000 Jahre und interpretierte ihn als frühen Homo sapiens. Der Fund deutete damit auf eine Anwesenheit moderner Menschen in Europa rund 150.000 Jahre früher hin als zuvor angenommen.

Gerade für internationale Forschung ist diese Methodik relevant: Digitale Modelle können Vergleichsanalysen zwischen Sammlungen erleichtern, ohne dass empfindliche Originalfossilien für jede Untersuchung transportiert werden müssen. Sie ersetzen weder den Zugang zu Sammlungen noch Fragen wissenschaftlicher Dokumentation, schaffen aber zusätzliche Möglichkeiten für Zusammenarbeit über große Entfernungen.
Während ihres Vortrags am 3. November im Centro Cultural UNC betonte Harvati, dass neue Funde und moderne Untersuchungsmethoden dazu zwingen, etablierte Annahmen über die menschliche Evolution immer wieder zu überprüfen. Wissenschaftlicher Fortschritt bedeute auch, frühere Interpretationen auf Grundlage neuer Erkenntnisse neu zu bewerten.
Córdoba würdigt auch die eigene Wissenschaft
Die Preisverleihung im Teatro del Libertador General San Martín beschränkte sich nicht auf Harvati. Der World Cultural Council zeichnete auch zwölf Mitglieder der Wissenschafts- und Hochschulgemeinschaft Córdobas aus. Die Auswahl traf das Foro de Rectores de Córdoba.

Vier Ehrungen gingen an etablierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, vier an Nachwuchsforschende und vier an Studierende. Zu den Ausgezeichneten für ihre wissenschaftliche Laufbahn gehörten Sandra Díaz, Gabriel Rabinovich, Gustavo Rivas und Guillermo Ordoñez.
Damit nutzte Córdoba die internationale Bühne nicht nur für einen globalen Wissenschaftspreis, sondern auch, um eigene Forschungskapazitäten sichtbar zu machen.
Ein zweiter Preis am folgenden Tag
Am 3. November verlieh die Universidad Nacional de Córdoba Harvati zusätzlich ihre Ehrendoktorwürde. Die Universität würdigte damit ihre Beiträge zur Paläoanthropologie und Bioanthropologie. Anschließend sprach die Forscherin über menschliche Ursprünge, Wanderungsbewegungen und Anpassungen im südosteuropäischen Raum.

Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde sprach sich Harvati zudem dafür aus, die Verbindungen zwischen den Universitäten in Córdoba und Deutschland zu vertiefen und neue gemeinsame Projekte zu entwickeln.
Die beiden Tage in Córdoba verbanden damit die internationale Auszeichnung Harvatis mit der Würdigung der lokalen Wissenschaft und der Perspektive auf einen engeren akademischen Austausch.



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