Mit rund 50 Unternehmern, Wissenschaftlern und Institutionen ist Thüringen nach Südamerika gereist, um aus dem neuen Handelsrahmen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur konkrete Geschäftskontakte zu machen. Unter Leitung von Colette Boos-John, Thüringer Ministerin für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ländlichen Raum, führt die Mission zunächst nach Buenos Aires und anschließend nach Porto Alegre und Rio de Janeiro. Mehr als 40 Gespräche mit Unternehmen, Netzwerkpartnern und politischen Vertretern stehen während der achttägigen Reise auf dem Programm.
Die Zahlen zeigen zugleich, wie viel Arbeit noch vor den Beteiligten liegt. 2025 erreichte Thüringens Handelsvolumen mit Brasilien rund 320 Millionen Euro, mit Argentinien dagegen lediglich 26,5 Millionen Euro. Rund 70 Thüringer Unternehmen exportieren nach Brasilien, nur 27 nach Argentinien. Der brasilianische Austausch ist damit wertmäßig etwa zwölfmal so groß.
Buenos Aires als erste Station
Am heutigen Montag steht die argentinische Wirtschaft im Mittelpunkt. Die AHK Argentinien organisiert unter dem Motto „¡Vamos, Mercosur!“ Gespräche zu Agrarwirtschaft, Hightech und Wissenschaft, Energietechnologien sowie Maschinenbau. Beim Networking Lunch sollen deutsche und argentinische Unternehmen mögliche Partner, neue Projekte und gemeinsame Geschäftsfelder identifizieren. Am Nachmittag folgen unter anderem ein EU-Mercosur-Dialog und weitere politische und wirtschaftliche Gespräche.

Die Reise begann am 31. Oktober und führt die Delegation bis zum 3. November durch Buenos Aires. Danach folgen Porto Alegre und Rio de Janeiro, ehe die Teilnehmer am 8. November nach Deutschland zurückkehren. Die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen (LEG) nennt unter anderem Life Sciences, Energie und Nachhaltigkeit, Landwirtschaft, Lebensmittelwirtschaft, E-Commerce, Fintech und angewandte Forschung als relevante Felder.
Boos-John sieht zusätzlich Chancen im Maschinen- und Anlagenbau, in Optik und Medizintechnik. Entscheidend sei jedoch, den politischen Rahmen nicht mit einem bereits gewonnenen Markt zu verwechseln. „Ein Abkommen allein schafft noch keine Aufträge“, sagte die Ministerin vor der Reise. Dafür brauche es Marktkenntnis, persönliche Kontakte und passende Partner.
Weniger Zölle lösen nicht alle Probleme
Der Zeitpunkt ist günstig. Das Interims-Handelsabkommen zwischen der EU und den vier beteiligten Mercosur-Staaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay wird seit dem 1. Mai 2026 vorläufig angewendet. Es sieht einen schrittweisen Abbau zahlreicher Zölle und anderer Handelsbarrieren vor.

Gerade für Thüringens industrielle Struktur ist das relevant. Bei Maschinen und Anlagen lagen Mercosur-Zölle bislang vielfach zwischen 14 und 20 Prozent. Für 93 Prozent der entsprechenden EU-Exporte sollen sie nach Angaben der Europäischen Kommission über Übergangsfristen weitgehend abgebaut werden. Auch für Pharmazeutika und andere technologieintensive Produkte sind Senkungen vorgesehen.
Doch niedrigere Zölle beantworten noch nicht die Frage, wie ein mittelständisches Unternehmen tatsächlich in Argentinien Fuß fasst. Ein Hersteller braucht Vertriebspartner, Kenntnisse über Zulassungen und technische Standards, Service- und Wartungsstrukturen sowie ein belastbares Netzwerk vor Ort. Genau an diesem Punkt sollen Wirtschaftsreisen wie die jetzige Delegation ansetzen.
Der Mittelstand sucht den Türöffner
Ein Beispiel ist Lena Lüneburger, Geschäftsführerin von Werkzeugbau Ruhla. Das Unternehmen beschäftigt 35 Mitarbeiter und produziert Spritzgusswerkzeuge unter anderem für medizinische Produkte und Verpackungen. Lüneburger nahm bereits an mehreren von der LEG begleiteten Auslandsreisen teil und berichtete gegenüber dem MDR, dass Kontakte zu potenziellen Auftraggebern ohne diese Unterstützung für ein Unternehmen dieser Größe wesentlich schwerer aufzubauen wären.

Die Buenos-Aires-Etappe ist deshalb vor allem als Marktsondierung zu verstehen. Weder die Landesregierung noch die beteiligten Wirtschaftsförderer kündigten bislang konkrete Investitionssummen, Vertragsabschlüsse oder neue Niederlassungen in Argentinien an.
Von 26,5 Millionen Euro aus gedacht
Gerade das vergleichsweise geringe Handelsvolumen macht Argentinien für Thüringen interessant. Die Differenz zu Brasilien zeigt einerseits, wie schwach die bestehenden Verbindungen noch sind. Andererseits bedeutet sie, dass selbst eine begrenzte Zahl neuer Lieferbeziehungen, Forschungskooperationen oder Vertriebspartnerschaften spürbares Wachstum erzeugen könnte.

Ob aus den mehr als 40 Gesprächen tatsächlich Geschäfte werden, wird sich deshalb nicht während eines Networking Lunch entscheiden. Messbar wird der Erfolg erst später: an neuen Vertriebspartnern, Pilotprojekten, Hochschulkooperationen, Lieferverträgen oder dauerhaften Unternehmensbeziehungen. Das EU-Mercosur-Abkommen kann dafür Türen öffnen. Durchgehen müssen Unternehmen auf beiden Seiten selbst.


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