14. 03. 2024

Buenos Aires (AT) – Die deutsch-argentinischen Beziehungen sind in den letzten drei Monaten stärker denn je. Sechs von neun zu erwartenden Delegationen besuchten Argentinien in den letzten Wochen: Von Wirtschaft bis Bildung, waren dabei fast alle Sektoren vertreten an denen Deutschland ein maßgebliches Interesse in Argentinien hat. Der deutsche Botschafter Dieter Lamlé traf sich exklusiv mit dem Argentinischen Tageblatt, um Überblick zu schaffen und den Stellenwert des Interesses zu erklären.  

Vier Wochen unter Strom

Mitte Februar besuchte Ingo Kramer, Geschäftsführer der Lateinamerika-Initiative der Deutschen Wirtschaft, die Botschaftsresidenz, um sich mit argentinischen Unternehmern auszutauschen. Unmittelbar danach waren es der Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales unter der Leitung ihres Vorsitzenden Dr. Michael Grosse-Brömer. Das Ziel: die sozialen Auswirkungen der schwierigen Neuausrichtung Argentiniens sowie den Reform-Kurs des argentinischen Präsidenten Javier Milei vor Ort zu erörtern.

Nur Tage später war der Bundestagsausschuss für Wirtschaft in Buenos Aires. Mit dabei waren zehn Abgeordnete des Bundestages. Ihr Fokus: Wirtschaft und Energie. Das war auch ein Schwerpunkt des German Accelerator. Das Förderprogramm der Bundesregierung zur Internationalisierung von Start-ups brachte erfolgreich argentinische und deutsche Start-ups auf dem ClimaTech-Summit im neuen Innovationszentrum von Buenos Aires zusammen. Dr. Franziska Brantner, Vizeministerin für Wirtschaft und Klima, nutzte den Besuch, um die Wachstums- und Kooperationsmöglichkeiten bei erneuerbaren Energien mit der neuen argentinischen Regierung zu sondieren. Nicht zu vergessen: Burkhard Balz. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank war Mitte März in der argentinischen Hauptstaft, um sich mit dem Präsidenten der Zentralbank Argentiniens auszutauschen. 

Argentinisches Tageblatt: Botschafter Lamlé, nach drei Monaten Milei, wo stehen die deutsch-argentinischen Beziehungen?
Dieter Lamlé: Die deutsch-argentinischen Beziehugen sind nach drei Moanten im Aufschwung. Es tut sich wirklich wahnsinnig viel in beide Richtungen. Zunächst, aus Argentinien in Richtung Deutschland: der argentinische Sekretär für Landwirtschaft war Mitte Januar in Berlin zur Landwirtschaftsminister-Konferenz. Anfang Februar war die argentinische Botschaft in Berlin Schauplatz einer Lithium-Konferenz, die viele deutsche Unternehmen anzog. Danach, die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC): die argentinische Außenministerin Diana Mondino besprach sich auf der MSC mit der deutschen Außenministerin, dem deutschen Finanzminister, mit Franziska Brantner, der Vizeministerin der BMWK, dem Kanzleramtsminister Wolfgang Schmidt und mit deutschen Unternehmen. In diesen Tagen hatte auch Wirtschaftsminister Luis Caputo ein Treffen mit Finanzminister Lindner im Rahmen der G20 in Brasilien. Das heißt, viel Bewegung und auf höchstem Niveau, mit vielen und frühen Konsultationen. Hinzu kam die argentinische Präsenz auf Messen wie der ProWein in Düsseldorf, wo rund 31 argentinische Bodegas und Weinunternehmen vertreten waren, sowie auf der ITB in Berlin, wo sich Argentinien als attraktives Reiseland empfahl. Das sind alles viele wichtige Schritte in die richtige Richtung. 

Im ersten Quartal werden insgesamt neun deutsche Delegationen nach Argentinien kommen. Wie kommt es zu diesem Aufmarsch? 
So ist es: Nach so viel argentinischer Aktivität in Deutschland sehen wir jetzt viel deutsche Bewegung hier in Argentinien. Deutschland ist sehr neugierig und interessiert daran zu wissen, wo Argentinien jetzt steht; welche Maßnahmen ergriffen werden, um die wirtschaftliche Situation des Landes zu regeln und zu ordnen. Deshalb stand die Wirtschaft so im Fokus der meisten der bisherigen Gespräche. Wir haben ein Interesse daran, dass das Land erfolgreich ist. Und das ist auch die wichtigste Botschaft aller deutschen Delegationen der letzten Wochen: Wir unterstützen Argentinien und lassen es nicht allein. Im Moment haben wir gerade eine Delegation von bayerischen Unternehmen im Lande. Hinzu kommt eine Landwirtschaftsdelegation aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium, die ein Summit in Misiones veranstaltet. Nächste Woche, in der vorletzten Märzwoche rundet eine Delegation das Bild ab, die aus Vertretern von rund 30 Hochschulen, mit ihren Rektoren, Direktoren und Präsidenten, besteht. Sie sehen, es tut sich viel und auf allen Ebenen: Politik, Wirtschaft, im Sozialen. Und so muß es auch sein, denn davon leben gute Beziehungen: der Pflege eines intensiven Austausches. 

(v.l.n.r) Botschafter Dieter Lamlé im Gespräch mit AT-Redakteurin Elena Estrella Wollrad in der Deutschen Botschaft in Buenos Aires.

Auf einer der letzten Botschaftsempfänge erwähnte Michael Grosse-Brömer, der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses des Bundestages, wie wichtig die deutsche Botschaft in Buenos Aires für die wirtschaftlichen, aber auch politischen Beziehungen beider Länder ist. Wie genau lebt die deutsche Botschaft diese Rolle in der bilateralen Zusammenarbeit aus? 
Die Botschaft ist die eigentliche Schanierstelle, zwischen der deutschen und der argentinischen Regierung. Diese Besuche werden stets minutiös vorbereitet: Es wird alles vorher im Detail besprochen, etwa wen wir mit wem zusammenbringen. Es geht um die Logistik; um die Zusammenführung der richtigen Gesprächspartner, im richtigen Moment. Wir drängen ständig, damit deutsche Delegationen nach Argentinien kommen. Dass jetzt so viele auf einmal kamen, ist ein sehr schönes Resultat dieser Arbeit. Die Mühe und der Aufwand dafür sind sekundär: Es ist gut für die deutsch-argentinischen Beziehungen, wenn man sich gegenseitig sieht. Gerade in Deutschland ist jetzt die Wahrnehmung gegenüber des neuen Präsidenten groß und vor allem was vor Ort Stand der Dinge ist. Deshalb ist es umso wichtiger, dieses Bild richtig zu stellen: durch den eigenen Blick und aus der Nähe. Die eigene Erfahrung ist mehr wert als 100 Artikel. 

Wie viele weitere Delegationen sind für dieses Jahr zu erwarten und welche Bereiche interessieren die deutsche Wirtschaft und Politik am stärksten ?
Die Delegationen stehen natürlich noch nicht alle fest, aber es werden viele sein. Sicher ist, dass es auch sehr politische Delegationen geben wird. Argentinien bietet für uns in Deutschland sehr vieles von dem, was wir nicht haben. In erster Linie, Landwirtschaft. Rund 60% der Exporte Argentiniens kommen aus den Bereichen Ernährung und Landwirtschaft. Vieles geht nach China, aber auch vieles nach Deutschland. Ausserdem, Bergbau: Argentinien hat all das, was wir brauchen. Zudem kann Argentinien im Moment schwerpunktmäßig auch bei Öl und Gas liefern. Nicht zu vergessen: die erneuerbaren Energie. Argentinien hat Wind, Sonne, Biomasse. Das Land hat unglaublich viel und eröffnet viele Chancen wo auch Deutschland aktiv sein kann. Unsere Überzeugung ist, dass sich, sobald das Schlimmste der derzeitigen Krise überwunden ist, insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien sehr interessante und sehr viele Kooperationsmöglichkeiten eröffnen werden. Die deutsche Wirtschaft ist vor Ort und ist auch bereit ihren Teil zu machen. Entscheidend ist jetzt für alle Investoren, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Investoren brauchen Rechtssicherheit und die notwendigen Rahmenbedingungen. Wenn diese ausreichend solide und glaubwürdig sind, dann kommen auch deutsche Investoren. Dafür müssen sich aber vorher auch die argentinischen Investoren bewegen. Sie sind es, die das Vertrauen vorleben. Ausländische Investoren schauen immer auf das was lokale Investoren machen. Wenn die sich nicht bewegen und auf ihr eigenes Land setzen, warum sollen es andere tun?

Was kann oder sollte die argentinische Regierung tun, damit sich aus den Delegationsreisen konkrete Maßnahmen ergeben?
Die konkreten Maßnahmen ergeben sich von selbst auch der Dank der jetzigen Dynamik. Ich bin zum Beispiel Aussenministerin Diana Mondino sehr dankbar dafür, dass sie sich am letzten Donnerstag sowohl mit der Wirtschaftskommission sowie mit Dr. Franziska Brantner getroffen hat und dann noch einmal auf dem event des German Accelerator anwesend war. Mehr geht nicht. Wir sind sehr froh und dankbar, dass wir von Anfang an eine so gute Beziehung aufbauen konnten. Dadurch ergibt sich eine Dynamik, die sich nur ergibt, wenn Rechtssicherheit geschaffen wird. Was Argentinien jetzt braucht ist Vertrauen. Und ich glaube, dass die Botschaft einen wesentlichen Beitrag leisten kann, dieses Vertrauen zwischen beiden Ländern zu vertiefen. 

Wie Sie bereits erwähnt haben, stammt eine der Delegationen aus Bayern: Woher kommt das Interesse Bayerns in Südamerika? 
Bayern ist, glaube ich, seit 10-15 Jahren in Südamerika positioniert. Die Bayern machen das clever: sie kommen, schauen wo sich was entwickelt und das über Jahre hinweg. Das machen auch andere Bundesländer, aber nicht so verstärkt in Südamerika wie Bayern. Hierzu, dieses Jahr feiert die Städtepartnerschaft Berlin-Buenos Aires ihr Jubiläum. Deshalb arbeiten wir auch daran und hoffen, eine hochrangige Berliner Delegation bald hier begrüßen zu können. 

Botschafter Lamlé, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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