Was ist normal? 35 Jahre besteht nun das 1990 wiedervereinigte Deutschland. Es gibt – im Durchschnitt – zwischen Ost und West noch einen gewissen Unterschied von Pro-Kopf-Einkommen, Arbeitslosigkeit und Lebensstandard, stets zugunsten des Westens. Aber er ist klein: Jeder, der die ostdeutschen Städte und ländlichen Räume mit westdeutschen unvoreingenommen vergleicht, kann sich mühelos davon überzeugen – statistisch und optisch. Längst ist im Wesentlichen der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufholprozess beendet. Was bleibt, ist ein letztes Schließen jener Lücke an Innovationskraft, die sich – auch wieder im Durchschnitt – zwischen dem westlichen und dem östlichen (postsozialistischen) Mitteleuropa insgesamt auftut, eine Spätfolge der jahrzehntelangen Isolierung des Ostblocks, „dank“ des Sowjetkommunismus.

Politische Normalität in Frage gestellt

Wie steht es dagegen um die politische Normalität? Um diese zu verstehen, muss man sich die jüngsten Kommunalwahlergebnisse im äußersten Westen der Republik, im Regionalverband Ruhr, ansehen. Dort erreichte die rechtspopulistische AfD 18,7 Prozent, gegenüber der letzten Kommunalwahl 2020 ein Plus von 11,6 Prozentpunkten. Das sind fast ostdeutsche Verhältnisse, und zwar ganz ohne Wunden der Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft in den Neunzigerjahren.

wiedervereinigte Deutschland, AfD, Ost und West, Deutsche Einheit, Rechtspopulismus, Deutschland 35 Jahre Einheit, gesellschaftliche Spaltung Deutschland, AfD Wahlergebnisse, politische Normalität Deutschland, Ost-West Unterschiede, Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué
Deutschland ist politisch „normal“ geworden – mit allen Spaltungen wie anderswo.

Frustration in West und Ost

Woran liegt es? Die Antwort ist recht einfach: Die Frustration mit der Politik der demokratischen Mitte – von den Grünen bis zur Union – ist in einer Stadt wie Gelsenkirchen (AfD: 29,9 Prozent) ähnlich groß wie in mitteldeutschen Städten. Sie speist sich aus dem Gefühl, vom „Mainstream“ der Politik in seinen Wünschen und Lebenszielen nicht gewürdigt zu werden. Hinzu kommen – bei der kräftig anlaufenden De-Industrialisierung – berufliche Abstiegsängste und das Gefühl, dass der Staat überfordert ist und die Kontrolle verliert.

Deutschland ist „normal“ geworden

Dies sind exakt die gleichen Motive, die jene Hinwendung zum Rechtspopulismus erklären, die wir in anderen Industrieländern beobachten – von Frankreich und Großbritannien über Italien bis zu den Vereinigten Staaten, um nur die an Bevölkerung größten zu nennen. Deutschland ist insofern „normal“ geworden. Allerdings ist es eine Normalität der gesellschaftlichen Spaltung, die heute nur noch wenig mit dem Unterschied von Ost und West zu tun hat, auch wenn sie hierzulande im letzten Jahrzehnt im Osten begann.

wiedervereinigte Deutschland, AfD, Ost und West, Deutsche Einheit, Rechtspopulismus, Deutschland 35 Jahre Einheit, gesellschaftliche Spaltung Deutschland, AfD Wahlergebnisse, politische Normalität Deutschland, Ost-West Unterschiede, Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué
35 Jahre nach der Einheit sind die Unterschiede zwischen Ost und West kleiner als je zuvor.

Was ist zu tun?

Was ist dagegen zu tun? Die programmatische Antwort mag im Detail schwierig sein, in der grundlegenden Stoßrichtung ist sie dagegen einfach. An die Politik gerichtet lautet sie: Kümmert euch um die handfesten Belange der Menschen in der Breite und nicht allein um hehre globale Ziele einer urbanen Elite, die an den Interessen großer Teile der Bevölkerung vorbeigehen.

Reformen statt Frustration

In einem Zeitalter, in dem die Bedrohungen konkret werden – durch Kriege und Wirtschaftskrisen – brauchen die Menschen eine ermutigende Perspektive. Die kann nur durch ein Mehr an Wachstum und Sicherheit erreicht werden, von dem möglichst alle etwas haben. Aber dies setzt gerade in Deutschland tiefgreifende Reformen voraus. Von diesen ist bisher nichts zu sehen. Kein Wunder, dass die Frustration überall zunimmt. Mit der Deutschen Einheit hat dies kaum mehr etwas zu tun.

wiedervereinigte Deutschland, AfD, Ost und West, Deutsche Einheit, Rechtspopulismus, Deutschland 35 Jahre Einheit, gesellschaftliche Spaltung Deutschland, AfD Wahlergebnisse, politische Normalität Deutschland, Ost-West Unterschiede, Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué

Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué ist Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Präsident von Liberal International und ehemaliger Landesminister.

Te puede interesar

Así se vivió en Alemania el adiós argentino de Die Toten Hosen: 34 años de una relación irrepetible

El último show argentino de Die Toten Hosen reunió a unas 15.000 personas y mostró en Alemania ...
13 de octubre de 2026

Alemania le ofrece a la Argentina financiar la compra de tres submarinos para reconstruir la Armada

El proyecto puede alcanzar los US$2.300 millones y permitiría recuperar una capacidad perdida ...
13 de octubre de 2026

El drama de la ministra de Trabajo de Alemania: renunció en pleno duelo y denunció ataques desde la coalición de Merz

Bärbel Bas, ministra de Trabajo y copresidenta del SPD, dejó ambos cargos tras la muerte de su ...
13 de octubre de 2026

La caída del espía que conocía todos los secretos de Alemania y las pistas que conducen a Rusia

August Hanning, antiguo jefe del BND, está acusado de recibir casi 2.000 documentos reservados y ...
13 de octubre de 2026

Hacé tu comentario

Por si acaso, tu email no se mostrará ;)